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Astrid Esslinger, 2016 © Otto Saxinger

Stell Dich kurz vor !

Die Frage, welche Rolle Ausdruck bzw. Kommunikation für die Wahrnehmung und Gestaltung von Wirklichkeit sowie die persönliche und gesellschaftliche Entwicklung spielt, beschäftigte mich während meines Publizistikstudiums. Sie führte mich in den frühen 1980er Jahren in US-amerikanische Indianerreservate, in die amerikanische und europäische Subkulturszene und in der Folge zur Kunst.

Ich lebe in einer kleinen Stadt an der Donau und stelle meine Arbeiten in AT, den USA und Brasilien aus.
Meine Arbeitsschwerpunkte liegen in der Malerei und einem künstlerischen Reiseprojekt, der sogenannten Handgepäck Produktion.

Wie kamst Du zur Kunst ?

Die Erkenntnis, dass ich nicht das einzig unzulängliche Wesen auf diesem Planeten bin, verdanke ich der Kunst. Die ersten Berührungspunkte als Teenager mit Musik, Literatur, Film, etc. öffneten mir eine geistige und emotionale Tür, was mich stärkte und zur Selbstermächtigung ermutigte. Der konkrete Schritt von der Rezipientin zur Produzentin war schleichend. Vom wissenschaftlichen Regelwerk fühlte ich mich eingeengt. Parallel zur Forschungsarbeit begleitete ich das Linzer Kunstkollektiv Stadtwerkstatt konzeptionell und redaktionell; eine lose Formation von Kunststudierenden, deren Diskurse und experimentelle Praxis mich ansteckten.

Anfang der 1990er Jahre war ich dann als Künstlerin gemeldet bei Finanzamt und Versicherung, hatte erste Ausstellungen gemacht und Werke in Sammlungen plaziert.

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Fluchtpunkt VI, 90 x 120 cm, 2014, Foto: Otto Saxinger

Wie beschreibst Du Deine Kunst?

Intuitiv, expressiv, sinnlich, kühl, figurativ, narrativ, reduziert, unmittelbar kann ich als Schlüsselwörter in den Raum stellen.

Mich beschäftigen Identitätkonstrukte und das Spannungsfeld Innenwelt/Aussenwelt. Das zentrale Thema ist der Mensch mit seinen grundsätzlichen Fragen, was bedeutet Mensch-Sein?, gibt es ein Leben jenseits der Verwertungslogik?
In meiner Malerei tritt der Mensch in unterschiedlichen Einstellungsgrößen auf; schwimmend, radelnd, tauchend, reitend, mit TV oder Kapuzenpulli oder Kaugummi, alleine, zu zweit, in der Gruppe, zwischen urbanen Strukturen oder monochromen Landschaften. „Das Private ist politisch“ ist das Motto. Formal setze ich Kontraste ein, schwarz/weiß, blau/orange, pastos/lasierend. Das Narrativ ist nicht auserzählt, es ist angedeutet und ein Angebot an die Betrachtenden zu assoziieren, zu ergänzen und zu projezieren bzw. der eigenen Empfindsamkeit Raum zu geben.
In der Cut-Out-Serie Strichcodesklaven_eine Handgepäck Produktion setze ich die menschliche Gestalt in Bezug zu den Codes von transnationalen Finanz- und Handelsgesellschaften. In der Tradition der Found-Footage-Kunst sammle ich Kartonschachteln des Einzelhandels in unterschiedlichen Metropolregionen, bevor sie zu Müll oder Recyclingstoff werden. Aus den Kartonagen schneide ich schablonenhafte Figuren aus, die mit den Logos, Piktogrammen und Codes der Schachtelaufdrucke korrespondieren bzw. interagieren. Was auf den Kartonagen bloße Codierung ist, erhält durch die Figur eine zusätzliche, narrative Ebene. Der globale Warenfluß gibt Auskunft über Gleichschaltung und Differenz im Weltgefüge; die „Sklaven“ schieben und ziehen, tragen und stemmen, rasten und spielen.
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Strichcode Sklaven Made in China, Vienna 2014, Foto: Otto Saxinger

Welche Techniken nutzt Du?

Ich male mit Acrylfarbe. Sie trocknet schnell, das unterstützt einen spontanen Arbeitsstil. Dann arbeite ich seriell, an vielen Leinwänden gleichzeitig und beginne mit automatisiertem, gestischen Farbauftrag, oft in Schwarz. Der Arbeit an der Leinwand geht keine Themenstellung voraus. Die Hauptübung ist wohl, Vorstellungen loszulassen, weitgehend die Kontrolle aufzugeben und auf Gegebenheiten, die der absichtslose Pinselstrich vorgibt, zu reagieren. Etwas passiert aus dem Augenblick heraus, nicht durch Überlegung oder Kalkül herbeigeführt. Das heißt, ich suche mein Sujet mit dem Pinsel auf der Leinwand. Dabei lasse ich mich leiten vom Gestus und dem Eigenleben der Flüssigkeit. Ab einem gewissen Zeitpunkt kommt natürlich Regie ins Spiel, wenn ich mich entscheide, welcher Spur ich folge.

Reisen als Treibenlassen auf unbekanntem Terrain ist ein ähnlicher Einstieg in das Handgepäckprojekt, obwohl das weitere Vorgehen einer konzeptionellen Linie folgt. Während meiner Arbeitsaufenthalte durchstöbere ich Städte und Gegenden fokusiert auf Kartonagen, die von Geschäften oder Wohnhäusern entsorgt werden. Mein mobiles Atelier besteht aus Schere, Stanleymesser, Bleistift, Radiergummi und Malertape. Durch Ausschneiden lege ich den Umriss fest mit dem ich die vorgefundene Codierung in neue Zusammenhänge setze. Die Figuren sind zwischen 15 und 50 cm hoch und werden in Gruppen an die Wand gepinnt und mit Wandfarbe zu raumspezifischen Installationen kombiniert. Als work-in-progress realisierte ich dieses Projekt bereits in São Paulo, New York, Teheran, Berlin, Los Angeles, Bangkok und im Großraum Wien.

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Dripping Point I, 100 x 120 cm, 2015, Foto: Otto Saxinger

Was möchtest Du künstlerisch erreichen?

Gesellschaftlich würde ich mir wünschen, Prozesse der Selbstreflexion zu unterstützen; ein Zurücktreten, das unterschiedliche Zugänge öffnet zur eigenen Daseinsform.
Persönlich hoffe ich, dass mein Werk in Bewegung bleibt. Dass sich der Gestaltungsfluß entwickelt und wandelt, und dass andererseites der physische Werkkörper unterwegs ist in spannenden Ausstellungsprojekten und engagierten Sammlungen.

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Strichcode Sklaven Los Angeles 2015, Detail Ausstellungsansicht OK Zentrum f. Gegenwartskunst, Foto: Florian Voggeneder

Dein Lieblingswerk? Wieso ?

Das eine Lieblingswerk gibt es nicht.
Nachhaltig eingeschrieben haben sich die „Quadrate“ von Kasimir Malewitsch. Als Teenagert war ich davon verblüfft. Das weiße Quadrat auf weißem Grund, schien mir wie eine Aufforderung: Bitte, mach! alles ist möglich! Eine sehr einladende Geste an nachfolgende Generationen, die Kunst vom Wettbewerb der Kunstfertigkeit zu befreien.
Charlotte Salomon möchte ich noch erwähnen, weil sie wenig bekannt ist. Die tagebuchartige Werksammlung Life?orTheatre?, die die Lebenswelt der jungen Frau Anfang des 20. Jahrhunderts offenbart, berührt mich, weil mich ihre Gouachen tief in ihr Inneres blicken lassen und mir etwas Warmes, Ungeschminktes sehr nahe kommt.

Wie sieht Dein Atelier aus?

Mein Atelier ist ein Geschäftslokal an der Rudolfstraße, einer stark befahrenen Durchzugsstraße, die eine Schneise aus Feinstaub, Wettbüros, Lärm und Handyshops zieht zwischen Donaustrand und den Hügeln des Mühlviertels. Ich schätze die Ambivalenz der Lage. Mein Atelier hat zwei Räume. Hin zur Rudolfstraße sind alle Fenster und Türen verbarrikadiert. Der kleinere Raum ist Bilderlager, der größere ist die Werkstatt mit Farbkübeln, Pinseln und Leinwänden. Nach 15 Jahren ist der Werkstattboden bedeckt von Farbspritzern und -flecken in allen Größen und Ausformungen. Das Sofa ist leicht und wendig und Zentrum des Geschehens.

 

Astrid Esslinger in aller Ausführlichkeit hier : esslinger.servus.at/

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