Interviews

Interview mit der Künstlerin Chrischa Oswald,

TRUE 2017© Chrischa Oswald

Wieso bist Du Künstler?

Ich hole mal etwas aus: Als ich ein kleines Mädchen war, liebte ich es, zu malen und habe sehr gerne die paar Kunstpublikationen angeschaut, die wir zuhause hatten. Ich komme aus keinem sehr kunstaffinen Hintergrund, aber wollte seit ich klein war „einen Künstler heiraten“… Damals war „Künstler“ für mich gleichbedeutend mit Maler, ich hatte ja keine Ahnung, was alles Kunst sein konnte und wie kreativ man mit diversen Medien umgehen kann. Ich habe damit wohl eine romantische Idee verknüpft von schöpferischer Persönlichkeit, Freiheit, auch einer gewissen Form von seelischer Tiefe… was man oft klischeemäßig mit einem Künstler verbindet – und was zu einem gewissen Teil natürlich auch stimmt. Warum ich allerdings einen Künstler heiraten wollte und nicht gleich selbst Künstlerin sein… ich vermute, ich habe mir das für mich selbst damals nicht zugetraut und wollte dem so nahe wie möglich sein bzw. in einer „Partnerschaft mit der Kunst“ sein.
Dass ich selbst eine besondere Sensibilität oder kreative Ader habe, war mir eigentlich schon klar oder wurde mir auch von außen gesagt, aber mit dem Selbstbewusstsein ist es gerade in jungen Jahren so eine Sache. Nach dem Abi habe ich erst überlegt, Kunstgeschichte/Kulturwissenschaft oder Sprachen/Literatur zu studieren, dachte aber an einem Punkt: Nö, ich will endlich mal was machen, wo ich Resultate sehe, was erschaffen, nicht immer nur Wissen in meinen Kopf stopfen, von dem ich die Hälfte wieder vergesse… ich will etwas tun und angewandte Erfahrungen machen. Dann kam ich auf die Fotografie und wollte Fotodesign studieren, nachdem ich über eine Publikation von Peter Lindbergh gestolpert war, die ich liebte. Über diverse Zufälle bin ich schließlich aber nicht an einer FH, sondern an einer Kunstuniversität gelandet, habe ein Jahr Mediengestaltung gemacht, aber wusste schon von Anfang an, ich wollte zur Bildenden Kunst wechseln. Dort habe ich mich dann nochmal beworben, wurde genommen und habe Kunst studiert – und das, ohne jemals wirklich malen oder zeichnen zu müssen. Ich war anfangs ziemlich überrascht, dass Kunst soviel mehr sein konnte und in so vielen Medien statt finden konnte… dort hat sich für mich noch einmal eine ganz andere Welt der Kunst aufgetan, viel größer als das, was ich dachte, das sie ist. Und dann war ich „offiziell“ Künstlerin.
Jetzt im Nachhinein denke ich auch immer mehr, dass es wenige Dinge gibt, die mich auf diese Weise herausfordern und mir die Möglichkeit bieten, verschiedene Themen und Arbeitsweisen zu erforschen, immer wieder Neues zu entdecken – auch in mir. Als Künstlerin kann ich meine Neugierde ausleben, gerade den Ideen folgen, die mich beschäftigen und zumindest versuchen, diese Themen auf meine Weise wieder zu kommunizieren. Kunst hat mit mir wohl damals schon früh etwas gemacht, etwas in mir berührt, mich inspiriert und das hat mich so beeindruckt, diese Kraft, die Kunst haben kann, dass ich innerlich immer „dahin“ wollte… Mich schöpferisch auszudrücken ist einerseits eine Art Notwendigkeit, andererseits habe ich den Wunsch oder die Hoffnung, damit eben auch andere zu erreichen und etwas in ihnen anzurühren, sie zum Fühlen und/oder Denken zu bewegen.
chrischaoswald_mother tongue_2013_video installation
Mother tongue© Chrischa Oswald

Welche Künstler bewunderst Du?

Hm, bewundern… Also ich war nie wirklich ein „Fangirl“, ich würde eher respektieren oder schätzen statt bewundern sagen… Und da gibt es natürlich viele Künstler, auch aus unterschiedlichen Gründen. Ich habe für jeden einzelnen Künstler Respekt, der mit der größten Leidenschaft und entgegen aller Widerstände kontinuierlich seinen Weg geht und weitermacht und an sich und den Wert seiner Arbeit glaubt. Das romantische Künstler-Bild zerbricht ja auch irgendwann und man merkt, in der Realität ist alles weit weniger rosig, es ist ein harter Weg, auf dem man auch viel Zurückweisung ertragen muss und für den man meiner Meinung nach eine Menge innerer Stärke braucht. Ich bewundere, und vielleicht passt das Wort hier doch, also schon mal alle diese Künstler, die ihren Weg gehen, obwohl viel dagegen spricht, rational gesehen… vor allem diejenigen, die keinerlei sonstigen Support haben, kein „Sicherheitsnetz“, die wirklich alles für die Kunst geben und keinen Plan B haben, weil sie so sehr an das glauben, was sie tun. Künstler, die ihre Grenzen ausloten und sich nicht von anderen verunsichern lassen, sondern diesem tiefen Bedürfnis folgen, etwas auf ihre Art zu formulieren und in die Welt zu bringen.
Allgemein finde ich ein breites Spektrum an Kunst interessant bzw. Kunst aus unterschiedlichen Bereichen. Ich schätze KünstlerInnen, die authentisch sind. Das kann jemand sein, der malt und vielleicht anfangs oft nicht einmal genau weiß, wohin er bzw. sie will, aber am Ende steht da etwas, wo ich einen Teil dieser Person wiederfinde und noch so viele andere Dinge, dessen sich die Person nicht einmal bewusst war. Das kann aber auch jemand sein, der sehr konzeptuell arbeitet und von Vorneherein ganz klare Anliegen oder Ideen formuliert. Ich schätze es, wenn es einem/einer Künstler/Künstlerin gelingt, inhaltliche Tiefe und etwas, was mich ästhetisch interessiert (das heißt, es muss nicht unbedingt im konventionellen Sinne schön sein, es muss etwas geben, was mich einfach daran reizt) zusammenzubringen, d.h. wenn es eine gelungene Korrespondenz zwischen diesen Polen gibt. Allgemein suche ich eher die Geschichte als nur die Form in einem Kunstwerk und dementsprechend fühle ich mich den Schöpfern solcher Arbeiten vielleicht auch mit einem anderen Gefühl verbunden.
chrischa oswald_figure (spine), 2017_photography
Figure© Chrischa Oswald

Wo würdest Du gerne Deine Werke ausstellen wollen?

Von wegen Sichtbarkeit natürlich in all den namhaften Institutionen/Museen dieser Welt… Ich finde aber auch viele deutsche Kunstvereine reizvoll, z.B. den Kunstverein München, weil ich den Ort mag und vor Jahren dort ein Praktikum gemacht habe. Ich fände es schön, als Künstlerin dahin zurückzukehren. Andere Kunstorte oder auch Galerien, die mich reizen – vom Programm oder auch der Architektur – sind z.B. in Paris der Palais de Tokyo, Proyectos Monclova in Mexiko, die Galerie Francisco Finohier in Lissabon und natürlich auch die ein oder andere Sammlung (v.a. in Italien gibt es einige, die ich gut finde, aber auch die Sammlung Boros in Berlin z.B), die dann in Zukunft vielleicht auch Werke von mir besitzt…
Was meine Videoarbeiten betrifft, wäre die Julia Stoschek Sammlung natürlich perfekt. Es gibt viele interessante Kunstorte, von klein bis groß, ich bin ein neugieriger Mensch und ich finde es auch inspirierend, mich mit unterschiedlichen Orten auseinanderzusetzen.
chrischa oswald_skin (desires), 2015_photography
Skin © Chrischa Oswald

Inwiefern beeinflussen politische Geschehnisse Deine Werke oder Kreativität?

Sie beeinflussen mich insofern, als sie mich als Mensch beeinflussen, der sich Gedanken über seine Werte macht und darüber, in welcher Welt er Leben möchte. Ich denke, alle diese Gefühle und Gedanken, die damit verknüpft sind, fließen mal mehr, mal weniger in meine Arbeit ein. Ich mache keine per se politische Kunst, aber ich bin natürlich als Mensch jemand, der sich über seine Positionierung Gedanken macht. Ich versuche meine Haltung eher in meinem Handeln und durch die Art, wie ich rede oder welche Gespräche ich führe und welche Standpunkte ich vertrete, in die Welt zu bringen. In einer meiner neuesten Video-Arbeiten geht es z.B. um „Haltung“ im physischen und im übertragenen Sinn und wie beides miteinander zusammenhängt, im weiteren Kontext dreht sich die Arbeit dann auch um Wahrheit und natürlich kann man das auch als politisch betrachten bzw. geht es um Werte und um Dinge, die mich einfach beschäftigt haben und die raus wollten. Aber ich mache Kunst nicht mit einer primär politischen Intention, es kann sich ergeben, dass bestimmte Themen konkreter sprechen, klar, aber ich denke meistens sind diese Einflüsse in meine Kunst eher subtil.
chrischa oswald_desires (don´t), 2015
desires © Chrischa Oswald

Woher nimmst Du Deine Kreativität?

Ich glaube, ich nehme sie viel weniger, als dass sie mir gegeben wird. Dafür brauche ich oft auch viel Zeit und Raum für mich selbst, um alle Eindrücke, die auf mich einwirken (und mich dabei natürlich auch inspirieren, egal, ob es Begebenheiten, Strukturen, Farben, Wörter, Empfindungen sind) zu verarbeiten und zu sortieren. Wenn ich draußen bin, in Gesellschaft, schaue ich auch sehr gerne und beobachte. Ich stelle aber auch genau so gerne Fragen, anderen und mir selbst. Ich kann ziemlich Vieles inspirierend finden, wie gesagt. Ich bin für viele Dinge sehr empfänglich und sensibel und habe einfach schon immer eine große Fantasie… und glücklicherweise noch immer eine Art kindlicher Neugierde. Damit ist die Welt unglaublich voll an potenziell inspirierenden Momenten. Ich muss dann eher oft filtern, ordnen, was, warum und wie ich davon weiter verfolgen will, weil es erstmal so viele Eindrücke gibt. Ich liebe es, zu gehen, das hat für mich eine sehr meditative Qualität und auch dabei laufen bestimmte kreative Prozesse bei mir ab. Natur, Pflanzen, Wasser, v.a. das Meer sind ziemlich gute Gesellschaft, wenn ich sonst keine Gesellschaft brauchen kann. Also die Kreativität selbst ist irgendwie „da“, für mich ist die Herausforderung, dann wie ein Goldgräber nach den für mich wirklich bedeutsamen Dingen zu schürfen und sie weiterzuentwickeln und zu konkretisieren.

Ein Besuch auf Chrischas Homepage lohnt sich ! :www.chrischa-oswald.com/

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