G20, HH, Tina Oelker
Portrait Foto: @ Anne Gabriel-Jürgens

Wie definieren Sie für sich Kunst ?

Kunst ist für mich Kommunikation in Reinform, sie ist wie die Sexualität kraftvoll, schöpferisch und gleichzeitig zeigt sich in ihr die vollkommen Verletzlichkeit. „Macht liegt in der Hingabe für Verbundenheit“ (Auszug aus dem Leporello, Ausgabe 2016). Die Vereinigung mit dem wilden Tier, welches in uns wohnt, der wahre Kern, der Urknall, der zu unserer Entstehung führte ist im Prozess der Malerei für mich stets spürbar, mal mehr mal weniger intensiv. Um solche starken Emotionen hervorzuholen, bediene ich mich persönlicher Erfahrungen oder drehe die Musik hoch. Das Tanzen, die körperliche Dehnung und Flexibilität sind Werkzeug, um Grenzen auszudehnen, um mit der Arbeit zu wachsen.
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Erzählen Sie uns von „Ritt“, einem der beliebtesten Werke auf Singulart?

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Der „Ritt“ ist ein gutes Beispiel für so eine intensive Phase der Auseinandersetzung von der Notwendigkeit der Öffnung und der Abgrenzung. Dieses Bild entstand 2014/2015 im Hafentor 7 an den Hamburger Landungsbrücken, wo sich 4 Jahre lang mein Studio befand und wo ich gleichzeitig eine Produzentengalerie führte. Die Hasenmanufaktur hatte dort ebenfalls ihre Adresse und den passenden Schauraum. In der Zeit hatte ich grade eine Ehe hinter mich gebracht und öffnete mich langsam wieder für neue Erfahrungen, wobei ich den Schmerz natürlich nach und nach in meinem Tempo verarbeitete. Die nackte Frau auf dem Tier wird vom Geweih durchbohrt und somit vollständig vereinigt. Das Thema der Jagd kommt hier zutage, was mich seit meiner Jugend begleitet. Es geht um Macht, das Töten, das Einverleiben, die Inbesitznahme, die Hingabe und die Frage, wie man selbst vollständig sein kann. Das natürlich Wechselspiel von Mann und Frau, vom Tierischen und Göttlichem, Existenz und Essenz, die Spannung zwischen den Polen, die Kohärenz und die Interdependenzen.
Man kann auch schlichtweg sagen, es geht um Leben und Tod, denn ich bin für direkte Kommunikation, bestehe gleichzeitig auf Komplexität. Auf der einen Seite dechiffriere ich Gefühle und Situationen, andererseits fordere ich damit natürlich neue Rätsel und Geheimnisse heraus, sowohl für mich, als auch den Betrachter mitunter. Doch vielleicht entspricht das Bild genau der Resonanz eines einzigen Menschen, der all die Vielschichtigkeit genau in dieser Arbeit nicht nur erkennt, sondern sich darin voll und ganz spiegeln kann.

Ihr Wunsch : eindeutige Kommunikation ?

Mit dem „Leporello“ gehe ich in verbale, hörbare und fühlbare Kommunikation mit dem Betrachter. Es ist eine Sammlung von lyrischen Texten, die während der Schaffensphasen seit 2003 entstehen. „Since Zen“ bringe ich die Gedanken in Textform. Das Sprechen dieser Worte in der Gesellschaft öffnet einen Raum, der den Zugang zu den Bildern stützt und erleichtert. Ich fühle mich durchaus verantwortlich für das, was ich mit meiner Art der Kommunikation auslöse und gehe in Resonanz damit, daher liegt mir etwas am Kontakt mit dem Betrachter und natürlich mit dem Käufer, der nicht unbedingt vis à vis stattfinden muss, jedoch darf.

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Der junge Pi. © wählt TINA OELKER

„1000 Hasen“ fand in der Kunstwelt grossen Anklang, berichten Sie uns davon?

Das Projekt „1000 Hasen – limited edition, Hasenmanufaktur Hamburg“ ist ein in sich geschlossenes Gesamtwerk. Der Hase # 0001, Öl auf Leinwand, 60 x 40 x 5 cm, entstand am 1. Dezember 2007, nachdem ich zuvor den Entschluss traf, tausend Hasen zu malen und das öffentlich. In den ersten hundert Tagen schuf ich hundert sehr farbintensive Portraits des Feldhasen. In den Folgejahren wurden die Bilder nach und nach abstrakter, bis hin zu Einstrichzeichnungen und Objekten. 2003 hatte ich bereits dieses Tier zum Diplomthema gewählt und 2004 damit abgeschlossen. „Der Hase als Motiv in Kunst und Kultur“. Doch er setzte sich durch, so musste ich dieses Motiv ein für alle mal vervollständigen, daher Tausend. Nach genau sieben Jahren zelebrierten wir mit dem Schützenfest-Reloaded den Hasen # 1000 im Hafentor 7.
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Die Tatsache, dass dieses Tier wild, frei und nicht domestizierter ist, könnte schon Grund genug sein, ihn als Attribut für den freien Künstler zu küren. Doch er erscheint auch in der Chinesischen Kultur als Mondtier, welches das Elixier der Unsterblichkeit mixt, und in der Griechischen Mythologie steht er symbolisch als Hermaphoroditos für die göttliche Vereinigung von Männlich und Weiblich. Joseph Beuys erklärte dem toten Hasen die Kunst und goss ihn in Gold als Symbol für Frieden und Freiheit. Der anthroposophische Ansatz, dass alle Weisheit im Wesen wohnt, sowohl im Hasen als auch im Menschen, unterstützt meine intuitive Wahl des Wildtieres als Motiv. In tausend Bildern mag man sich tausendfach spiegeln, es bist Du, es bin ich und der Hase ist der springende Punkt.
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Mehr Hasen und andere Kunstwerke von Tina Oelker finden Sie hier: www.singulart.com/de/künstler/tina-oelker-299

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