Kunstmarkt

Geschlechtsspezifische Unterschiede in Kunstberufen

2018 werden zahlreiche Führungspositionen in renommierten Kunstinstitutionen von Frauen besetzt werden! Doch nach wie vor dominieren Männer die Chef-Sitze im Kulturbereich

Das Kunstjahr 2018 wird weiblich – acht Frauen ziehen als Verantwortliche in wichtige Kunstinstitutionen Deutschlands ein, doch nach wie vor fällt ein Revolution im Kunst- und Kulturbereich aus, da die meisten Führungsetagen nach wie vor mehrheitlich männlich besetzt sind. In einer komparativen Studie von 2017 schneidet Deutschland im europäischen Vergleich schlecht ab: Im Kultur- und Medienbereich sind Frauen nicht oft anzutreffen und auch das Gehaltsniveau fällt bei Frauen deutlich niedriger aus.

Diese Frauen ziehen 2018 in die Chefetage von Kunstbetrieben

Wie Anfang Januar bekannt gegeben, wird Christina Lehnert, die ehemalige Kuratorin des Kunstvereins Braunschweig, zur Chefkuratorin im Frankfurter Portikus. Damit übernimmt sie die Stelle von Fabian Schöneich. Diese Ankündigung reiht sich in eine Serie von weiblichen Beförderungen dieses Jahr: Acht der zehn offenen Positionen im Kunstbereich wurden an weibliche Kuratorinnen, Wissenschaftlerinnen und Kunsthistorikerinnen vergeben.

In der hessischen Hauptstadt wird eine zweite Chefstelle an eine weibliche Bewerberin vergeben: Susanne Pfeffer tritt die Position als Direktorin des Museums für Moderne Kunst (MMK) an. Susanne Pfeffer gilt als eine Vordenkerin und wurde als Kuratorin des Deutschland-Pavillons bei der Biennale von Venedig im vergangenen Jahr mit dem Goldenen Löwen ausgezeichnet.

Das Deutsche Filmmuseum wird seit dem 1. Januar von Ellen M. Harrington als Nachfolgerin von Claudia Dillmann geleitet, Harrington war zuvor die Chefin der Sammlungen bei der Academy of Motion Pictures in Los Angeles. In Tübingen zieht Nicole Fritz, welche zuvor als Direktorin im Kunstmuseums Ravensburg tätig war, in die Chefetage der Kunsthalle. Sie übernimmt damit die Rolle Holger Kube Venturas, welcher aufgrund eines internen Konflikts den Vorstandsposten kündigte. Die Kunsthistorikerin Nikola Dietrich wird in Köln ab  dem 1. Juli den Kölnischen Kunstverein als Direktorin leiten und nimmt den Posten Moritz Wesselers ein. Die derzeitige Direktorin der GAK-gesellschaft für Aktuelle Kunst in Bremen wird im Herbst die Leitung des Museum Weserburg antreten. Auch im Martin-Gropius-Bau in Berlin erfolgt ein Tapetenwechsel: Auf den scheidenden Direktor Gereon Sievernich folgt die Kunsthistorikerin Stephanie Rosenthal von der Londoner Hayward Gallery.

Studien zu geschlechtsspezifischen Vorurteilen in Deutschland und Europa

Trotz dieser Veränderungen in wegweisenden Kulturbetrieben Deutschlands halten sich geschlechterspezifische Vorurteile hartnäckig. Eine aktuelle Studie der Hertie School of Governance zeigt, dass sich die Lage zwar verbessert, aber dass die Geschlechterdifferenzen nach wie vor groß sind. Dies betrifft nicht nur die Kunst-, Kultur- und Medienbranche Deutschlands, sondern ist eine Entwicklung, die europaweit zu beobachten ist.

Eine weitere Studie welche im Auftrag der Bundesregierung für Kultur und Medien und unter der wissenschaftlichen Leitung von Helmut K. Anheier erfolgte, verglich eine Studie aus 2016 über den deutschen Kulturbereich mit fünf anderen Mitgliedsstaaten der Europäischen Union (Frankreich, Italien, Schweden, Polen und Großbritannien).

Die Studie zeigt vor allem, dass das geschlechtsspezifische Lohngefälle mit 29,8 Prozent in Deutschland mit Abstand das höchste ist, verglichen mit einem Durchschnitt von 19,4 Prozent in den anderen europäischen Ländern. Die Lohnunterschiede haben sich laut der Wissenschaftler sogar von 2008 bis 2014 verschlechtert. Auch die Betrachtung der Rentenzahlung zeigt gleiche Tendenzen auf.

Auch in der Künstlerszene schaut es ähnlich aus: Obwohl 50 Prozent der Kunststudenten Frauen sind, werden weniger als 20 Prozent von ihnen in Galerien ausgestellt (laut einer Studie von Dr. Fabian Bocart sowie Marina Gertsberg und Rachel A.J. Pownall, 2017).

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass trotz der großen Schritte der weiblichen “Umstrukturierung” in diesem Jahr, nach wie vor eine geschlechtsspezifische Schräglage im Kunstbetrieb zugunsten von Männern herrscht. Erwähnenswert ist ebenfalls, dass bei zahlreichen der renommiertesten Kunstinstitutionen Deutschlands bis jetzt noch nie eine weibliche Direktorin am Ruder war. Die Staatlichen Museen zu Berlin (einschließlich Neue Nationalgalerie, Hamburger Bahnhof und Bodemuseum) wurden in über 100 Jahren ausschließlich von Männern geleitet. Auch das Museum Ludwig in Köln, das Haus der Kunst in München und die Schirn Kunsthalle Frankfurt hatten während der gesamten Zeit ihres Bestehens noch keine weibliche Direktorin gehabt.

Gute Aussichten: Es ist die Zeit für große Taten

Monika Grütters, die deutsche Kulturstaatsministerin, gab als Reaktion auf die Studie von 2016 einen Runden Tisch zu dieser Thematik und eröffnete daraufhin letzten August ein Büro, dass sich auf geschlechtsspezifische Ungleichheiten konzentriert. Zentrale Aufgaben sind die Erstellung einer Datenbank mit Künstlern und weiblichen Führungskräften von Kulturinstitutionen. Ebenso werden Panels, Jurys, Stipendien und Mentoring-Programme aufgebaut. bei denen das Verhältnis von Frauen und Männern ausgewogen ist.

Auch Singulart will Künstlerinnen und Künstler international unterstützen, indem sie eine autonome und exklusive Plattform bietet, um die Kunst zu präsentieren. Bei den 600 Künstlern besteht ein ausgewogenes Verhältnis der Geschlechter.

Die Studie der Hertie School auf Deutsch zum Download: https://www.hertie-school.org/de/news/detail/content/study-gender-equality-policy-in-the-arts-culture-and-media-in-comparative-perspectives-1/

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