Interviews

Rainer Ehrt im Fokus

Wie würden Sie sich, Ihre künstlerische Vision und Ihren Arbeitsstil beschreiben?

Ein alter ego ist der fliegende Fisch (entfernt verwandt mit Ikarus): Ein Wesen, welches in zwei Welten zu Hause ist: Im Ozean unsichtbar unter der Masse seinesgleichen, aber hin und wieder möglich auch ein Flug über den Horizont. Für mich muß Kunst sinnlich, leidenschaftlich sowie formal und handwerklich durchgearbeitet sein – dazu kommt freilich das unverzichtbare Element der Spontaneität, der Ironie und der Imagination. Künstlerische Arbeit ist für mich nicht nur Ausführung eines bildnerischen Einfalls, nicht nur ein Spiegel, sondern Interaktion: Um so intensiver du dein Werk formst, um so intensiver formt es dich.

Selbst mit fliegendem Fisch neumidi

Selbst mit fliegendem Fisch neumidi

Sie kommen aus der ehemaligen DDR: Wie hat das Sie und Ihre Arbeit geprägt und wie haben Sie die Arbeit als Künstler in der ehemaligen DDR wahrgenommen?

Meine ursprünglichen und stärksten Bilderfahrungen kommen einerseits aus der Renaissance und der realistisch -kritischen Kunsttradition des frühen 20. Jahrhunderts, andererseits aus der DDR-Kunst der siebziger und achtziger Jahre; die repräsentative Sammlung Ludwig in Ostberlin gestattete auch einen Blick auf die »West – Kunst«. Im Osten war es für mich möglich, sieben Jahre ohne materielle Probleme konzentriert Kunst zu studieren – die achtziger Jahre waren für die Kunst (von heute aus gesehen) eine relativ offene Endzeit ohne Verbote. Als ich die Hochschule 1988 verließ, ging kurz darauf mein Land unter, und ich hatte unter völlig anderen Bedingungen zu überleben.

Schiff der Aufklärung midi

Schiff der Aufklärung midi

Ihre Zeichnungen und Illustrationen wurden zahlreich in Zeitungen und Verlagen veröffentlicht. Wann und wie haben Sie gemerkt, dass Sie sich über den Beruf des Illustrator hinaus als bildender Künstler und Maler verwirklichen wollen?

Meine Bildideen kommen immer schon oft aus Literatur, Geschichte, Philosophie – daher mache ich nicht die übliche (und fragwürdige) Trennung von »angewandter« und »freier« Kunst. Ich bemühe mich, meine Illustrationen über den aktuellen oder redaktionellen Anlaß hinaus »haltbar« zu machen, weil sie immer auch im eigenen Auftrag entstehen: Ich zeichne, damit ich sehe, was ich denke. Meine freien Arbeiten enthalten wiederum oft illustrative, narrative Elemente – hier inspiriert ein Genre das andere. Ein Vorteil des Studiums im Osten war seine Breite und handwerkliche Solidität: Die alten druckgrafische Techniken zum Beispiel sind viel zu reizvoll, um sie nicht zu pflegen, und die »große« malerische Arbeit mit Öl oder Acryl auf Leinwand ist die ultimative künstlerische Herausforderung.

Guter Hirte

Guter Hirte

Ihre Arbeiten haben einen kritischen Ton – in wie fern greifen Sie aktuelle gesellschaftliche und politische Themen auf? Gibt es wiederkehrende Motive?

Als Künstler kann ich meinen »sozialen Sinn« nicht abschalten, er wirkt eigentlich immer im Hintergrund. Als Cartoonist kann und muß ich diesen Sinn fokussieren und auf den Punkt bringen – ob es sich nun um die Gebrechen des globalen Kapitalismus, um Ökologie oder um Kulturkritik handelt.

Ehrt European Exports small

Ehrt European Exports small

TurmbauzuBrüsselsmall

TurmbauzuBrüsselsmall

Ehrt Autogletscher small

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Sie sind ein vielseitiger Künstler (Karikaturist, Maler, Illustrator, Buchkünstler und Bildhauer) – was bereitet Ihnen am meisten Freude und welches fordert Sie am meisten?

Eigentlich fordert immer die aktuelle Aufgabe; in letzter Zeit sind das zunehmend freie Arbeiten zu selbst gestellten Themen. Schwer ist immer wieder der Anfang; eine Form, eine tragbare Struktur für ein Projekt zu finden, und es dann über alle (manchmal monatelangen) Krisen, Wandlungen und Rückkopplungen auf seiner Höhe zu halten.

Ehrt Stiertänzer small
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Arbeitsfoto OVID

Rainer Ehrts Profil auf Singulart:https://www.singulart.com/de/k%C3%BCnstler/rainer-ehrt-694

Seine Webseite:http://rainerehrt.de/

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