Interviews

Katrin von Lehmann im Interview

Wie gehst Du vor, wenn Du mit einem neuen Werk beginnst?

Die Anfänge sind fließend. Bevor ich mit Stiften, Schere oder Locheisen auf und mit Papier arbeite, gehen intensive Auseinandersetzungen mit Erlebnissen oder Fragen voraus. Wie zum Beispiel die Beobachtung, dass Tannenbäume nach Weihnachten von Autofahrern überfahren wurden, während sie ein paar Tage zuvor noch als das wichtigste Symbol für Weihnachten verwendet wurden.Oder wie kann man für die Wolken, die sich abstrakt sind und sich ständig wandeln, ein Klassifizierungssystem erfinden? Durch meine inhaltliche, gedankliche und mit anderen im Austausch stehende Auseinandersetzung entwickle ich im Atelier Regelwerke für meine Arbeiten auf Papier.

Der Satz von Heidegger: ‚die Hand denkt’ beeindruckt mich sehr.

Woher nimmst Du Deine Kreativität?

Ich habe leider kein Rezept, woher ich meine Kreativität nehme könnte. Ich kann gute Bedingungen schaffen, in denen ich in einen intensiven Arbeitsprozess gelange kann, wie zum Beispiel genügend Bewegung zu haben, viel im Atelier sein, Qi Gong üben. Planbar ist der Arbeitsprozess aber nicht. Oft passiert dann was Unerwartetes, was mich in eine Art Ausnahmezustand versetzt. Wenn ich mich dann darauf einlasse, wird die Arbeit intensiv und spannend.

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Blackboard Drawing 4-03, 30x94cm

Erzählst Du uns etwas über Dein Werk „Faltung“ und wie die Inspiration für dieses Werk kam?

Bei einem Besuch im meteorologischen Observatorium Lindenberg bei Frankfurt/Oder beeindruckte mich sehr, dass in unserer hoch technisierten Zeit die Wolkenbeobachtung mit den menschlichen Augen und nicht mit technischen Geräten durchgeführt wird.

Das bedeutet, dass das menschliche Auge leistungsstärker als jedes technische Gerät ist, in abstrakten, sich wandelnden Formen- wie den Wolken – Muster zu erkennen. Dies war Anlass und Motivation, mich mit der Wolkenaufzeichnung und Wolkenklassifizierung zu beschäftigen.

Vom Observatorium erhielt ich die Daten von einem Monat Wolkenaufzeichnung. Das sind an die 900 lateinische Wörter wie z.B. Cumulus fractus, Stratus opacus oder Cirrus spissatus. Im Atelier entwickelte ich einen Handlungsrahmen für die Übersetzung der lateinischen Wörter in Zeichnungen. Mir kam es nicht drauf an, die Zeichnungen als einzelne Blätter zu zeigen, sondern ich wollte einen verdichteten Prozess anschaulich machen. So faltete ich alle Zeichnungen nach dem gleichen Prinzip und schichtete sie übereinander. Das sichtbare Bild ergibt sich aus den Bereichen der Zeichnungen auf den Faktkanten.

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Black outs 6, 172x72cm

Welche Künstler bewunderst Du?

Mit dem Bewundern ist das so eine Sache. Früher habe ich Giotto, Rembrandt, Goya, mittelalterliche Kirchenmalerei, Monet, Klee, Kandinsky, Henry Michaux bewundert, um nur einige zu nennen. Ergänzend begeistere ich mich heute für Arbeiten von Valie Export, Eva Hesse, Rosemarie Trockel, Katharina Karrenberg, A K Dolven, Sabine Popp, Lygia Clark, um nur einige zu nennen.

Warum ist Kunst für die Gesellschaft wichtig?

Damit wichtige Fragen gestellt werden können, die nicht nur auf der intellektuellen Ebene sondern vor allem auf der sinnlichen, ästhetischen, eben nicht deterministischen Ebene kommuniziert werden.

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Mauerblümchen 2, 120x120cm

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