Johannes Rave im Interview mit Singulart

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Können Sie sich uns kurz vorstellen? Wie kamen Sie zur Kunst?

Meine Mutter war Grafikerin und eine begabte Aquarellmalerin. So hatten wir von klein auf, wie andere Kinder Spielzeugautos oder Puppen, Buntstifte und Wasserfarben. Zudem besaß mein Großvater eine Druckerei, dadurch stand immer Papier zu Verfügung. Ich habe seit ich mich erinnern kann, gemalt und schon als Kind war klar, dass ich Maler werden wollte.

Sie sind sehr frei im Umgang mit Ihrer Technik und kombinieren oft auch Materialien – wie gehen Sie vor, wenn Sie mit einem neuen Werk beginnen? Und wie wählen Sie die bestimmten Techniken aus?

Die Freiheit im Umgang mit der Technik hat etwas mit Rebellion zu tun. Was man weder auf meiner Homepage noch bei Singulart sehen kann, ist, dass ich ursprünglich aus einer strengen Gegenständlichkeit komme. Ich zeichnete in der Jugend „wie fotografiert“. Mit solchen Arbeiten bewarb ich mich an der Kunstakademie und blieb in den ersten Semestern auch dabei. Irgendwann erkannte ich, dass für mich bei dieser Art von Malerei eigentlich nur die Bildidee wirklich Freude macht. Danach folgt eine lange penible Arbeitsphase, die dieser Idee folgt. Wie schön wäre es, wenn die Arbeit selbst, also das Malen, Freude machen würde und wenn sich darin Dinge verändern, umformuliert, neu erfunden werden würden? Es kam zu einer radikalen Veränderung. Stilistisch lagen die Arbeiten dieser Zeit zwischen Abstraktion und Informel, und damit einher ging die gleichzeitige Verwendung ungewöhnlicher Materialien oder „verbotener“ Kombinationen, wie Öl auf Papier, Öl und Wasserfarbe zu vermischen und vieles mehr. Übrigens hat Beuys, die Ikone der damaligen Zeit, das vorgemacht und die Akademien im Sturm genommen.
Wenn ich ein neues Werk beginne, sehe ich es in Gedanken vor mir – und fast immer verändert es sich. Welche Technik ich auswähle, entscheide ich anhand des gewünschten Effekts. Will ich eine wässrige Oberfläche, nehme ich Acryl. Will ich ein dynamisches Chaos, nehme ich Graffiti-Spray. Will ich ein wirklich schwarzes Schwarz, nehme ich Öl – und so kombiniere ich zuweilen alles auf ein und demselben Bildgrund.

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Ohne Titel, 2005, Aquarell auf Papier, 56×76 cm

 

Gibt es Techniken oder Materialien, mit denen Sie gerne experimentieren wollen würden?

Meine Malerei hat etwas Explosives – auch wenn man es bei vielen Bildern nicht sieht. Ich male hoch emotional, ordne das aber einer strengen malerischen Disziplin unter. Was ich nicht ertrage, sind langsame Techniken, wie z.B. Drucktechniken. Ich ertrage Wartezeiten nicht und langsame, unkreative Prozesse. Jede Technik, die mir neu ist und die ein gewisses Tempo zulässt, ist mir willkommen.

Wie hat sich Ihr Werk über die Jahre hinweg verändert hin zu dem, das es jetzt ist?

Wenn man die Antworten auf die zweite Frage voranstellt, also vom Realismus zur Abstraktion, dann würde ich fortfahren: nach Jahren der Abstraktion wollte ich zu einer Verbindlichkeit in der Form (zurück-)finden, ohne die Abstraktion zu verlassen. Das führte mich zum Schatten: Ich malte Schatten von Dingen, die ich sah. Schatten sind gleichzeitig gegenständlich und abstrakt, sie bilden einen Gegenstand abstrahiert ab. In einer weiteren Phase versuchte ich Fotografie und Malerei zusammenzubringen. Ein großer Werkblock besteht aus zweiteiligen Bildern, die eigentlich jeweils autonom sind, zusammengefügt aber zu einem neuen Bild werden. In den „königlichen Portraits“ geht es ebenfalls darum, Abstraktion und Figürlichkeit zusammenzubringen. Oft spiele ich mit Assoziationen und ironischen Brechungen. Ich könnte weiter Phasen hinzufügen, das würde aber den Rahmen dieses Interviews sprengen.

 

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Zwei Ufos überlegen, ob das Objekt vor ihnen die sogenannte Erde ist, 2013, Acrylmalerei auf Leinwand, 120×100 cm

Welche Ausstellungen und künstlerische Projekte haben Sie in Ihrem Werdegang besonders geprägt?

Es wären viele zu nennen. Meine erste Liebe galt den Impressionisten und würde ich auch heute noch einen von ihnen ganz oben unter den Göttern der Malerei sehen, dann wäre das Claude Monet. Unter den Malern der klassischen Moderne wäre für mich Picasso, Matisse und Max Beckmann zu nennen. Letzter ist für mich der bedeutendste deutsche Maler des 20. Jahrhunderts.
Paul Klee hat eine Wirkung auf mich erzielt, vor allem als Zeichner, dessen Qualität nur von Joseph Beuys erreicht wurde, der meist mit Fettecken in Verbindung gebracht wird, aber ein grandioser Zeichner war. In der zeitgenössischen Malerei gab es für mich einen Leichtturm: Cy Twombly. Sein Werkblock „Lepanto“ ist vielleicht das, was die Seerosen Monets eine Jahrhundert früher waren.
Und einmal bin ich in Anbetracht eines Bildes in Tränen ausgebrochen: vor Vermeers Das Mädchen mit dem Perlenohrgehänge – eine für mich geradezu überirdische Malerei.

Erzählen Sie uns etwas zu Ihrem Singulart Portfolio und Ihren diversen Serien?

Es ist nicht leicht, aus meinem umfangreichen Werk auszuwählen. Eine wilde Mischung wollte ich vermeiden. Also entschied ich mich vier repräsentative Blöcke auszuwählen. Der erste Block “Inseln“ eröffnet einen Blick zur Aquarellmalerei, die tatsächlich bis heute das Herz meiner Malerei ist. Der zweite Block „Update“ zeigt Malerei aus den vergangenen Jahren. Die „Aliens“ sind ein ironisches Spiel mit Gegenstand und Abstraktion. Und die „O-Numbers“ führt in die Gleichzeitigkeit – das woran ich aktuell arbeite.

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O-Number 5, 2017, Acrylmalerei auf Leinwand, 116×89 cm

 

Johannes Rave auf Singulart: https://www.singulart.com/de/k%C3%BCnstler/johannes-rave-758

Die Webseite des Künstlers: http://johannesrave.de/

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