Esin Turan über soziale Thematiken und Feminismus in der Kunst

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Können Sie sich und Ihre Kunst uns kurz vorstellen?

Ich bin in der Türkei geboren, lebe und arbeite aber seit 26 Jahren in Wien. Nach meinem Studium der Bildhauerei an der Hacettepe Universität in Ankara zog ich nach Österreich, um an der Universität für Angewandte Kunst in der Bildhauereischule Bruno Groncoli s zu studieren. Ich blieb in Wien.
Glück ist für mich, wenn ich meine Ideen verwirklichen kann, die mir Freude bereiten. Wenn ich mit Leidenschaft bei der Sache bin und liebe, was ich tue, bin ich auch gut darin. Ich bin sehr genau, äußerst pünktlich, humorvoll und habe die Fähigkeit, Dinge mit anderen Augen zu sehen, nicht im Detail hängen zu bleiben, sondern das Ganze erfassen zu können.

Ich kann meine Arbeiten als vielseitig, sozial- und gesellschaftskritisch beschreiben. Inspiration für mein künstlerisches Schaffen beziehe ich spontan aus ästhetischen Momenten im urbanen Raum. Oder ich gestalte Arbeiten, die dem Bereich der künstlerischen Forschung zuzuordnen sind.

 

Sie arbeiten mit zahlreichen Medien (Objektkunst, Installation, Aquarell, Collage, Zeichnung, Textil) – welches Medium fordert Sie am meisten, welches präferieren Sie?

Ich verwende vielfältige mediale Ausdrucksformen – Objektkunst, Rauminstallationen, Aquarelle, Zeichnungen, Fotografien und Textilarbeiten. Mein Herz schlägt heute natürlich für die Dreidimensionale – besonders für Rauminstallationen. Die Vielzahl und die Kombination der Medien ist für mich wichtig. Fotografie spielt in meinem Werk auch eine große Rolle. Ich bin ausgebildete Bildhauerin. Ich sehe daher auch meine zweidimensionalen Werke als „Flächen von Überlegungen“, in denen ich bildhauerische Möglichkeiten umsetzen kann.

 

Mit welchem haben Sie das Gefühl sich am besten ausdrücken zu können?

Rauminstallationen und Objektkunst! Ich möchte als Bruno-Gironcoli-Schülerin mit einem Zitat von ihm antworten: „Ich bleibe beim Objekt, um in der Arbeit schüchtern bleiben zu können“. So möchte ich als Bildhauerin meine Geschichten erzählen. Alles hängt miteinander zusammen. Es gibt keine Zufälle. Entscheidend ist für mich auch meine persönliche Weiterentwicklung. Ich verwende vielfältige Techniken je nach Konzept. Ich würde ein Werk für öffentlichen Raum mit architektonische Elemente planen.

 

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12. Mai 2012, 2013, Acryl Malerei, Kohle auf Leinwand, 80×80 cm

 

Sie arbeiten neben der Künstlertätigkeit auch in einer Jugendbildungswerkstatt in Wien. Wie kamen Sie dazu und wie kombinieren Sie dies mit Ihrer Arbeit? In wie fern beeinflusst das Ihre künstlerische Tätigkeit?

Bereits während des Studiums arbeitete ich im sozialen Bereich mit Kindern und Jugendlichen. So mache ich es auch heute noch: Drei Tage pro Woche arbeite ich in der Jugendbildungswerkstatt und die übrigen vier Tage im Atelier. Im Idealfall kann ich Kunst und Sozialarbeit kombinieren.
Durch mein Engagement in Integrationsprojekten der Stadt Wien und der Europäischen Union werden Menschen verschiedener Kulturen über Kunstprojekte zusammen gebracht. Im Idealfall kann ich Kunst und Soziales kombinieren. So wie bei meinem Fotoprojekt „Gegen Vorurteile“, einem visuellen Statement gegen Intoleranz und Verallgemeinerungen. Die Flüchtlingsdebatte 2015, die in Österreich und in ganz Europa sehr emotional geführt wird, hat mich zu diesem Fotoprojekt angeregt.

 

Sie setzen sich mit Ihrer Kunst und in diversen Projekten mit gesellschaftlichen Thematiken und Problematiken auseinander. Wie machen Sie das und welche aktuellen Projekte verfolgen Sie?

Wien ist eine spannende Stadt. Österreich hat im 2. Halbjahr 2018 den Vorsitz in der Europäischen Union. Europa wird in Wien zu Gast sein. Es geht um die Chance, Kunst und Kultur auch im öffentlichen Raum sichtbarer zu machen. Das kann auch große Symbolwirkung haben.

Mir geht es auch darum, die Thematik „Urban Living“ in mögliche Kunstprojekte einzubeziehen. Städte wie Wien sind sowohl aufgrund ihres zunehmenden Wachstums als auch durch die sich ändernden Lebensweisen stadtplanerisch und architektonisch vor neue Herausforderungen gestellt. Auf welche Weise kann Wohnungsbau städtebauliche Strukturen stärken? Wie können Monostrukturen aufgebrochen und Freiräume aufgewertet werden? Und wie können Kunst und Architektur neuen Formen des Zusammenlebens gerecht werden, sei es durch eine breitere soziale Mischung oder die Verschränkung von Wohnen und Arbeiten?

 

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Heel, 2018, Collage, Bleistift, Kohle auf Papier, Holz unter Glas, 120×90 cm

 

Feminismus und das Bild der Frau in der Gesellschaft stehen ebenfalls im Zentrum Ihrer Kunst: Wie hat sich das Bild der Frau in der Kunst verändert? Und welche Ideen wollen Sie mit Ihrer Kunst präsentieren?

Schon lange vor der aktuellen #metoo-Debatte haben die „Guerrilla-Girls“ in den 80er Jahren Sexismus und Rassismus in der Kunstwelt bekämpft. Die „Guerrilla Girls“ wurden von sieben Künstlerinnen als Antwort auf eine Ausstellung im New Yorker MoMA gegründet. Diese Ausstellung war gedacht, um einen Überblick über die bedeutendsten zeitgenössischen Kunstwerke und Künstler der Welt zu geben. Die sieben Künstlerinnen waren irritiert von der Tatsache, dass in der Ausstellung nur 13 von 169 vertretenden Künstlern weiblich waren. Diese waren alle weiß und aus Europa oder Amerika. Und was hat sich bis heute geändert?
Ich möchte Geschichten voller Eigensinn erzählen. Ich kann in meinen Werken im Namen zahlreicher namenloser Frauen auf die Jahrhunderte währende Dominanz männlicher Geschichtsschreibung verweisen. Ich kann so feministische Statements setzen. Dazu kombiniere ich Schrift, Fotografie, Leinwand, Papier und Zeichnungen.

Ich setze bewusst auch erotische Sujets ein. Manchmal, aber nicht immer, gestalte ich sie bewusst deftig oder mit kitschigen Aspekten aus der Populärkultur bis ins Peinliche.

 

Erzählen Sie uns etwas über die Hintergründe und das Schaffensprozess Ihrer Serie „Dream Diaries“?

Meine Werke erzählen immer einer Geschichte. Geschichten aus meinem Leben, Geschichten aus meinen Träumen oder Wirkliche Ereignisse, politische und gesellschaftliche Ereignisse. Vieles wollte Ausdruck bringen und thematisieren, aber die Hintergründe wollte ich für mich behalten, eine Art der Tarnung, deshalb haben die Werke von Dream Diaries Serie keinen Titel, sondern ein Datum.
Natürlich hängt auch vieles mit dem Surrealem und Traumstrukturen zusammen. So hat auch Sigmund Freuds Psychoanalyse ihren Weg in die Kunst gefunden, oder auch die Tagebücher von Franz Kafka sind für mich ein literarisches und künstlerisches Laboratorium. Darauf habe ich mich auch persönlich eingelassen.

 

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29. Mai 2012, 2013, Acryl Malerei, Collage auf Leinwand, 80×50 cm

 

Das Künstlerprofil von Esin Turan auf Singulart: https://www.singulart.com/de/k%C3%BCnstler/esin-turan-1398

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