Kunstbewegungen und Techniken,  Kunstgeschichte

Die Geburtsstunde der gegenstandslosen Malerei

Für viele war Wassily Kandinsky die größte Kraft hinter der Geburt der gegenstandslosen Abstraktion, das heißt von Gemälden ohne erkennbare Gegenstände. Pablo Picasso und Georges Braque hatten zwar die Grenzen des Schaffens von Gemälden ohne erkennbare Gegenstände ausgelotet, – etwa Picassos Porträt des Kunsthändlers Ambroise Vollard –, doch waren sie dabei nie zur totalen Abstraktion übergegangen. Picasso war davon überzeugt, dass es so etwas wie ein gänzlich gegenstandsloses Werk gar nicht geben könne.

Picasso Ambroise Vollard

Ambroise Vollard, Pablo Picasso

Wie auch Cézanne war Kandinsky so etwas wie ein Spätzünder. Er wuchs in Moskau auf und lebte dort, bis er dreißig war – und zwar nicht als Künstler, sondern als promovierter Rechtswissenschaftler. Dann allerdings inspirierten ihn die Entwicklungen in der Kunstwelt von Paris dazu, Moskau zu verlassen. Er zog nach München und begann Kunst zu studieren. Dort brillierte er im Unterricht, verließ bald das Klassenzimmer und gründete eine progressive Organisation namens Phalanx. Er unterrichtete Kunst freiberuflich und unabhängig von Akademien und stellte seine Werke aus, die auch von der Künstlergruppe der Berliner Secession aufgenommen wurden. Dadurch erhielt er genug Presse über seine Arbeit, um 1904 im Salon d’Automne in Paris mit auszustellen.

Red Square in Moscow

Red Square in Moscow, Wassily Kandinsky

Jedoch wurden Kandinskys Werke in diesen Ausstellungen als unbedeutend erachtet und waren hauptsächlich wegen ihrer märchenhaften Erzählweise und ihren hellen Farben interessant – wie etwa sein Gemälde „Der Blaue Reiter“ von 1903. Daraufhin beschloss Kandinsky 1903, München zu verlassen und auf Reisen zu gehen. Und zwar nicht nur kurz, sondern ausgiebig – bis 1908. Sinn und Zweck dieser langen Wanderjahre war für Kandinsky, darüber Bilanz zu ziehen, was die westliche Kunst „bis zu diesem Zeitpunkt erreicht hatte“. Zwischen seinen zahlreichen und ausgedehnten Reisen verbrachte er die meiste Zeit in Paris.

Seit er damit angefangen hatte, seine Sichtweise der Malerei zu überdenken, misstraute Kandinsky allen Theorien über Wahrheit oder Wirklichkeit in der Kunst. Dieses Misstrauen war auch tief in den damaligen wissenschaftlichen Entdeckungen der Physik verwurzelt, die Kandinsky erschütterten und seine Denkweise nachhaltig veränderten. So schrieb er 1913: „Das Zerfallen des Atoms war in meiner Seele dem Zerfall der ganzen Welt gleich. Plötzlich fielen die dicksten Mauern. Alles wurde unsicher, wackelig und weich.“ Damit war für Kandinsky klar, dass jede Art der Interpretation der Realität hinterfragt werden musste, und für ihn war es naheliegend, dass Kunst sich mit dem Mystischen, Metaphysischen und Spirituellen beschäftigen sollte.

Kandinsky begann 1908 damit, abstrakte Gemälde zu schaffen. Wie er bei der Abstraktion ankam, ist viel diskutiert worden. Manche glauben, dass Kandinskys Erlebnis, als er Monets Gemälde von Heuhaufen sah, dafür ausschlaggebend war – deren künstlerischer Wert für ihn rein in den Farben und Linien lag. Dann gibt es auch eine Geschichte, wie Kandinsky eines seiner eigenen Werke falsch aufgestellt und auf der Seite stehend sah und es von „innerer Ausstrahlung“ erfüllt war, und er erkannte, dass die figurativen Aspekte des Werkes nebensächlich waren. Während dieser Zeit begann Kandinsky damit, seine Werke als „Improvisationen“ und „Kompositionen“ zu bezeichnen, was sein Interesse daran widerspiegelte, einen Weg zu finden, in seiner Kunst das Pendant zu der unmittelbar expressiven, immateriellen Natur der Musik auszudrücken.

Kandinsky

1908 präsentierte Kandinsky seine Werke in Ausstellungen mit einer Gruppe namens „New Artists Association“, was wichtig für seine Karriere war, weil dort auch Bilder von Picasso und Braque ausgestellt wurden. 1911 gründete er zusammen mit Franz Marc die Künstlergruppe „Blauer Reiter“, wobei der Name laut Kandinsky nicht auf seinem eigenen Gemälde beruhte, sondern an der mit Franz Marc geteilten Liebe zur Farbe Blau und Pferden. Ziel war es, Kunstwerke aller Epochen in den Vordergrund zu stellen sowie Werke, die versuchten, das innere Selbst auszudrücken, anstatt sich an bestimmte Stilvorgaben zu halten. Zwei der drei Bilder Kandinskys in der ersten Ausstellung des Blauen Reiters 1911 waren gegenstandslos; er hatte im Jahr zuvor damit begonnen, solche Werke zu schaffen. Während auch František Kupka und Francis Picabia wenig später gegenstandslose Werke schufen und Robert Delaunay 1912 seine ersten „Colour Disks“ malte, hatte Kandinsky früher damit angefangen und, was noch wichtiger ist, eine gegenstandslose Malerei war dabei das bewusste Grundprinzip seiner Arbeit.

Mit der zweiten Ausstellung des Blauen Reiters 1912 steigerten sich Kandinskys Bekanntheit und Ruf, vor allem auch dank der Veröffentlichung zweier Bücher. Der Almanach „Der Blaue Reiter“ erschien beim Piper Verlag und umfasste unter anderem 140 Reproduktionen von Kunstwerken. Das zweite Buch trug den Titel „Über das Geistige in der Kunst“, erschien ebenfalls bei Piper und beinhaltete Vorstellungen und Ideen von Künstlern, die mit der Gruppe in Verbindung standen, sowie Originalholzschnitte. Mehr als jeder andere einzelne Faktor trug dieses Buch dazu bei, dass diese neuen Prinzipien auf Akzeptanz stießen, aus denen sich in weiterer Folge vieles der modernen Kunst entwickelte. Das Buch stellte Kandinsky in den Mittelpunkt einer künstlerischen Revolution und präsentierte sein Interesse an einer Kunst, die sich von der gegenständlichen Welt abwandte. So wurde eine neue Thematik entdeckt, die nur auf dem „inneren Bedürfnis“ des Künstlers beruhte. Das Kapitel „Über die Malerei“ beschäftigt sich mit Kandinskys Suche nach einer Kommunikation, die auf Farbwahrnehmung und Empfindung beruht.

Kandinsky betrachtete seine „Kompositionen“ als seine umfassendsten künstlerischen Aussagen. Sie unterscheiden sich von den einflussreichsten frühen Versuchen der Abstraktion dieser Periode vor allem darin, dass ihr Ansatz expressionistischer und improvisatorischer ist als der Kubismus, der wesentlich geometrischer war. Dementsprechend unterschieden sich auch die von Kandinsky beeinflussten Künstler, etwa André Masson, Joan Miró, Roberto Matta und Jackson Pollock.

Komposition VII

Komposition VII, Wassily Kandinsky

Im Allgemeinen geht die Bildsprache im Werk „Komposition VII“ auf Kandinskys Interesse an kosmischem Konflikt und Erneuerung zurück, inspiriert von der Geschichte über die Sintflut im Buch Genesis und der über die Apokalypse aus der Offenbarung des Johannes. Obwohl in „Komposition VII“ Elemente zu sehen sind, die mit identifizierbaren Gegenständen verglichen werden können – etwa die bootartige Form mit Rudern in der linken unteren Ecke des Gemäldes –, hatte Kandinsky sich bemüht, alle figurativen Bezüge unklar zu machen. Außerdem wollte er ein Gemälde schaffen, das ein Gefühl von Spontaneität ausstrahlt. So schuf er daraufhin das endgültige Gemälde in nur vier Tagen, für das er allerdings zahlreiche Vorzeichnungen angefertigt hatte.

Quellen

Buch: Kandinsky, Über das Geistige in der Kunst

http://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/kandinsky1912

Werke: Kompositionen

http://www.kandinskywassily.de/kompositionen.php

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