Kunstgeschichte,  Kunstwerke unter der Lupe

„American Gothic“ von Grant Wood

„American Gothic“ ist eines der berühmtesten Gemälde des 20. Jahrhunderts. Auch wenn einem weder der Name des Malers noch des Bildes gleich einfallen mag, hat man es schon einmal irgendwo gesehen. Das Ölgemälde aus dem Jahr 1930 gilt als das bekannteste Werk eines amerikanischen Malers und gehört zur Strömung des amerikanischen Regionalismus der 1930er Jahre.

Ein Kultwerk

Der in Iowa geborene und aufgewachsene Amerikaner Grant Wood schuf ein Porträt des ländlichen amerikanischen Lebens im Mittleren Westen des frühen 20. Jahrhunderts. Für manche Betrachter stellt das Werk eine Satire über den Provinzialismus dar, für andere ein realistisches Abbild der konservativen Kleinstädter und für viele damals schlichtweg eine Beleidigung. Die als Great Depression bezeichnete Wirtschaftskrise der 1930er Jahre hatte gerade ihren Anfang genommen, und besonders die amerikanische Landbevölkerung fand sich durch die maschinelle Revolution nach langer Zeit voller Aufschwung nun mit bitterer Armut und Elend konfrontiert.

Wood war zuvor durch Europa gereist, hatte einige Zeit in Paris und München verbracht und Inspiration in der realistischen Malerei der frühen Niederländer und der nordeuropäischen Meister des 15. Jahrhunderts gefunden. Auf den ersten Blick erinnert sein Gemälde auch an das Werk „Arnolfini-Hochzeit“ des flämischen Malers Jan van Eyck von 1434.

Wood reichte „American Gothic“ 1930 für die Jahresausstellung im Art Institute of Chicago ein. Das Bild wurde dann vom Institut gekauft und in zahlreichen Zeitungen quer durch die USA abgedruckt. Dank seiner Modernität inspirierte das Gemälde unzählige visuelle Werke der Popkultur, von Parodien und Karikaturen über andere Gemälde und Fotokunst bis hin zu Anspielungen in Fernsehserien, etwa in Disneys Zeichentrickserie „Mulan“, den „Simpsons“, „Dexter“ und „Desperate Housewives“. Oft wird auch das von Wood dargestellte Paar in moderner Kleidung parodiert, von Streetwear bis zu Kostümen aus „Star Wars“, mit allen möglichen Gegenständen (etwa Wischmobs) anstelle der ursprünglichen Heugabel.

3 Details des Gemäldes

1.Der Mann und die Frau

Wer ist diese Frau mit dem harten Blick und der streng aussehende Mann mit der Brille, der eine Heugabel in der Hand hält? Sind sie ein Paar oder hat Wood vielleicht seinen Vater, Bruder oder Freunde abgebildet? Der Mann scheint auf jeden Fall älter zu sein als die Frau. Tatsächlich bat Wood seine Schwester Nan und seinen Zahnarzt Dr. McKeeby darum, für dieses Porträt eines Farmers und seiner unverheirateten Tochter Modell zu stehen. Seine Schwester beschuldigte Wood später, er habe sie hässlich aussehen lassen, während sein Zahnarzt so wütend war, dass er sich ein Jahrzehnt lang weigerte, mit Wood ein Wort zu wechseln.

Der Mann trägt einen blauen Overall, der wie Arbeitskleidung aussieht, aber seine schwarze Jacke lässt vermuten, dass er für einen besonderen Anlass gekleidet ist, ebenso wie die Kamee-Brosche der Frau. Einige meinen, dass diese zwei Charaktere Siedler seien, und die Frau trägt tatsächlich eine Schürze im Kolonialstil.

Wood sah sein Werk als eine realistische Hommage an den Mittleren Westen und die moralischen Wertvorstellungen der Bevölkerung. Doch bei der Ausstellung im Art Institute of Chicago 1930 und nach der Veröffentlichung in Zeitungen reagierten viele der regionalen Bewohner mit Verärgerung. Die mürrische Haltung der Protagonisten war für sie ein Angriff auf ihr ländliches Leben. Sie sahen sich nicht so glücklich und fortschrittlich dargestellt, wie die Stadtbevölkerung zu der Zeit oft porträtiert wurde.

2.Die Heugabel

Diese Heugabel, die ein vollwertiger Charakter des Bildes zu sein scheint, ist einer der faszinierendsten Aspekte des Gemäldes. Die Zinken zeigen nach oben, während ein Farmer eine Heugabel zur Sicherheit mit den Zinken nach unten hält. Dieses Detail hat viele Fragen zur symbolischen Bedeutung dieses Werks aufgeworfen. Durch ihre Form kann die Gabel die Männlichkeit symbolisieren, aber auch die Sexualität, die im puritanischen Mittleren Westen mit Perversion gleichgesetzt wurde. Sie kann auch als ein Gegenstand der Verteidigung verstanden werden. Man fragt sich: Was passiert in diesem Haus hinter seinen geschlossenen Fenstern? Möchte der Vater die Tugend seiner Tochter beschützen? Auf einer erhaltenen Skizze des Gemäldes hält der Mann eine Harke statt einer dreizinkigen Heugabel in der Hand. Wood war für seinen grotesken Humor bekannt, und so ist eine Anspielung auf den Dreizack des Teufels auch nicht undenkbar.

Wood betonte diese Form noch, indem er sie in der Naht des Hosenlatzes des Mannes verwendete und im Hemdmuster weiterführte. Dazu hat sie auch eine kompositorische Funktion und spiegelt das Fenster im ersten Stock wieder. Diese sich wiederholenden Muster beleben die Komposition und geben ihr Rhythmus.

Das Gemälde lädt zu vielfältigen Interpretationen ein, was die rätselhafte Anziehungskraft des Werkes noch verstärkt.

3.Das gotische Haus

Der von Wood gewählte Titel des Gemäldes ist eine Anspielung auf den neugotischen Baustil. Das Spitzbogenfenster ist dafür typisch.

In frühen Entwürfen zu dem Werk ist anfangs nur das Haus zu sehen, wobei bekannt ist, dass es sich dabei um ein reales Haus in Eldon in Iowa handelte. In einem anderen Entwurf positionierte Wood einen Mann und eine Frau vor dem Haus, was der finalen Bildkomposition bereits sehr ähnlich war. Woods könnte dafür von einer Tradition in der Fotografie des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts inspiriert worden sein, in der reisende Fotografen ihre Modelle vor ihren Häusern posieren ließen.

Ein weiteres Detail des Hauses sind die Vorhänge, die tagsüber zugezogen sind. Eine Erklärung dafür könnte sein, dass die Charaktere in Trauer waren. So könnten die Farmer nach dem Einbruch der Wirtschaft und dem technischen Fortschritt speziell in der Landwirtschaft das Ende einer Ära beweint haben. Da Wood sich mit Erklärungen zu diesem Werk generell bedeckt hielt, sind Interpretationsversuche in diese Richtung jedoch reine Spekulation. So wurde auch nie die Frage beantwortet, ob „American Gothic“ einen nostalgischen Blick auf die Vergangenheit oder die damalige Gegenwart wirft.

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