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Alle Kunst ist Eros. Über Liebe, Lust und Sex in der Kunst

Jan Vermeer, Brieflesendes Mädchen am offenen Fenster, 1657/59

Manchmal muss man nur etwas an der Oberfläche kratzen…

1658 malte Johannes Vermeer ein „Brief lesendes Mädchen am offenen Fenster“, eine junge, hübsche, kostbar gekleidete Frau im Profil, die in einem hohen Zimmer an einem geöffneten Fenster steht und einen Brief liest, den sie in beiden Händen hält. Die geröteten Wangen, die hochgezogenen Brauen, der konzentrierte Gesichtsausdruck lassen uns vermuten: Es ist ein aufregender Brief.

Dass es sich bei Vermeers Meisterwerk nicht bloß um die Darstellung irgendeines Mädchens handelt, das irgendeinen Brief in irgendeinem Zimmer liest, scheint augenfällig. Das Mädchen könnte frisch verliebt, der Brief ein Liebesbrief, das Zimmer eine Kemenate sein. Zumal Vermeers Raffinesse vor das Mädchen einen von einem prachtvollen, geradezu wollüstig gefälteten Orientteppich bedeckten Tisch gemalt hat – oder ist der Tisch vielleicht sogar ein Bett? –, auf dem eine zur Seite geneigte Schale liegt, aus der Äpfel, Pomeranzen und Pfirsiche gerollt sind, alles Symbole der Lust. Und rechts vom Mädchen ist ein Vorhang, hinter dem die Lust Erfüllung finden könnte. Aber reichen diese Hinweise, um das Mädchen eindeutig für eine Verliebte und den Brief für einen Liebesbrief zu halten?

Was Stephan Kolja, der Direktor der Galerie Alte Meister Dresden, zusammen mit zwei Restauratoren, einem Kunsttechnologen und mehreren Vermeer-Experten Anfang Mai präsentierte, erstaunte dann umso mehr. Hinter dem dunkelgrünen Vorhang am rechten Bildrand, dort, wo zwei Jahrhunderte lang nur eine kahle blassgraue Wand zu sehen war, legte Restaurator Christoph Schölzel das gemalte Bildnis eines nackten Amorknaben frei. Die linke Hand des drallen Cupido weist Richtung Vorhang, in seiner Rechten hält er einen Bogen, dessen auf das Mädchen gerichtete Pfeile, so der antike Mythos, Liebe entfachen. Und, was den Fund noch spektakulärer macht: Den Cupido, das haben sorgfältige technologische Untersuchungen gezeigt, hat Vermeer selbst gemalt – die graue Übermalung, wie zunächst für möglich gehalten, aber nicht. Über dem gemalten Knaben befindet sich der von Vermeer aufgetragene originale Firnis, die transparente Harzschicht, die zum Schutz auf fertige Ölbilder aufgetragen wird. Jemand anderes muss den Amorknaben übermalt und damit vom eigentlichen, von Vermeer intentionierten Thema des Bildes abgelenkt haben. War das Bild dem Übermalenden zu eindeutig, zu unkeusch?

Vermeers "Brieflesendes Mädchen am offenen Fenster". Aktueller Zwischenzustand der Restaurierung zum 7. Mai 2019, Öl auf Leinwand, Gemäldegalerie Alte Meister.
Vermeers „Brieflesendes Mädchen am offenen Fenster“. Zwischenzustand der Restaurierung zum 7. Mai 2019, Öl auf Leinwand, Gemäldegalerie Alte Meister. Foto: Wolfgang Kreische/SKD

Ohne Liebe keine Kunst

Offensichtlich geht der bisher gebrauchte Titel, der nicht von Vermeer selbst stammt, ganz wesentlich an dem von unserem niederländischen Maler Intendierten vorbei. Thema des Bildes ist nicht ein beliebiges Mädchen, das einen beliebigen Brief liest. Es ist die Liebe selbst, die erotische, die sexuelle Liebe, die uns Vermeer vor Augen stellt. Die Liebe in ihrer mythischen Personifikation als Liebesgott an der Wand und in actu als frisch verliebte junges Mädchen im Zentrum des Bildes.

Liebe… Sie ist das Thema der Kunst. Ohne Liebe keine Kunst.

Liebe hat viele Formen und Spielarten, und nicht nur schöne und angenehme. Als unausweichliches und notwendiges Lebensprinzip ist sie Tugend, die die besten Seiten eines Menschen aktiviert, oder Sünde, die ins Verderben führt, ist sie freie Lust oder unfreie Besessenheit, Selbstverwirklichung oder Ekstase, Egotrip oder erfüllende Beziehung.

Das antike Griechenland unterschied drei Hauptformen der Liebe: Eros, Philia und Agape, das sexuelle Begehren, die freundschaftliche Liebe und die Gottesliebe. Wir könnten noch die Eltern- und die Kinderliebe hinzufügen. Oder die Kinoliebe, die Fußballliebe, die Autoliebe. All diese Lieben finden wir in Kunst dargestellt. Und nicht nur dargestellt. In den besten Fällen erregt sie die dargestellte Liebe in uns!

Erotische Ästhetik

Die nackte Maja von Francisco Goya, 1795–1800, Museo del Prado, Madrid.
Die nackte Maja von Francisco Goya, 1795–1800, Museo del Prado, Madrid.

Eros nimmt, wen nimmt es Wunder, in nicht-theokratischen Kulturen nicht nur in der bildenden Kunst eine herausragende Stellung ein. Auch in der Literatur, auf dem Theater, in der Oper wimmelt es von erotischen und sexuellen Anspielungen, oft auch von expliziten Szenen. In Platons Symposion, einem der vielleicht schönsten Texte der Philosophiegeschichte, wird Eros als ein Mischwesen vorgestellt, halb Mensch, halb Gott, halb sterblich, halb unsterblich. Sein Leben findet zwischen diesen beiden Polen statt, zwischen Endlichkeit und Vollkommenheit, Verwundbarkeit und Lust, Tod und ewigem Leben, immer auf der Suche nach dem oder der Geliebten, nach seiner Lust, nach seiner Vervollkommnung, die jedoch nie ganz erreicht werden kann. Erotische Liebe ist für uns daher immer unerfüllte Liebe, bleibt wesentlich unbefriedigt. Gleichzeitig aktiviert sie ungeahnte Gemüts- und Geisteskräfte. Den Qualen der Unerfülltheit der Liebe kann Eros, kann ein Liebender entgehen, wenn es ihm gelingt, das Lieben und das liebevolle Schaffen selbst zu lieben.

Eros war in unserem westlichen Kulturkreis bis in die Neuzeit hinein oft tabuisiert und konnte daher meist nur als verdecktes Bildmotiv mitgeführt werden. Genitalien wurden versteckt hinter Blattwerk oder metaphorisch verkleidet als Blüten, Muscheln und Grotten. Sogar die Liebesgöttin Aphrodite wurde in lose Gewänder gehüllt oder musste ihre Scham verstecken. Die wenigen Bilder, die erotische Lebensfreue und sexuellen Genuss offen zeigten, blieben den Blicken der Öffentlichkeit entzogen und wurden in den Schränken privater Sammler, den Depots des Vatikans oder den Archiven der Polizei aufbewahrt. Nackte, meist weibliche Körper – der männliche Blick, der bis in unser Jahrhundert die Kunst beherrscht! – wurden mit moralisierendem Zeigefinger gemalt. Mythen und biblische Geschichten wurden bemüht, um die Gefahren sexueller Begierde zu illustrieren, lüsterne Satyre, die Nymphen, geile Alte, die Susanna beäugen, und waren doch lustvolle Darstellungen von Sexualität. Sex darstellen, ohne uns Voyeure zu bedienen, geht nicht.

Natürlich gab es schon immer das, was wir Pornografie nennen. Ein Trennstrich zwischen Pornografie und Kunst kann nicht scharf gezogen werden. Den ersten eindeutig zur Kunst gehörigen, völlig profanen erotisch aufgeladenen weiblichen Akt in der westlichen Kunst malte Francisco Goya. Sein Gemälde „Die nackte Maja“, gemalt zwischen 1795 und 1800, zeigt eine nackte Frau auf einer kissenbedeckten Chaiselongue. Es gilt als eine der ersten expliziten künstlerischen Darstellungen weiblicher Schamhaare und wurde wegen eines Verbots der katholischen Kirche zu Lebzeiten des Künstlers nicht ausgestellt.

L’Origine du monde („Der Ursprung der Welt“) von Gustave Courbet, 1866, Öl auf Leinwand, 46 × 55 cm, Musée d’Orsay.

Dann kam Courbet, der ein splitternacktes weibliches Geschlecht in die Mitte eines sorgfältig ausgeführten Ölgemäldes platzierte. Die Rede ist von seinem 1866 gemalten „Ursprung der Welt“. Dessen Realismus schockierte die Kunstwelt weit über Courbets Lebenszeit hinaus. Sogar sein letzter privater Besitzer, kein anderer als der Psychoanalytiker Jacques Lacan, eigentlich ausgewiesener Experte in der Freilegung des Begehrens, versteckte dieses wunderbare Werk vor Besuchern hinter einem eigens angefertigten Doppelrahmen.

Eros im Zentrum der zeitgenössischen Kunst

Etwa 100 Jahre später, in den 60er Jahren des letzten Jahrhunderts, wurde der Eros endlich ins bildnerische Zentrum gerückt. Sexuelle Tabus wurden nicht zuletzt durch die mediale Dauerpräsenz von Pornographie gebrochen oder gelockert. Nachdem die Kunst keinen privilegierten Blick mehr auf die menschliche Anatomie bot, fielen Kunstwerke mit dem Thema Eros unter das Diktat der Avantgarde: Sie mussten anders, neu sein, sich von schlechten, oder wenigstens ästhetisch anspruchslosen erotischen Darstellungen, insbesondere von kunstferner, nämlich allein auf Erregung sexueller Begierden abzielender Pornographie abheben – was, wie wir wissen, nicht immer gelingt.

Sind Jeff Koons, Cindy Sherman, Lynda Benglis, US-amerikanische Fotokünstler wie Robert Mapplethorpe, Andres Serrano, Man Ray in der Darstellung des Eros weiter als Vermeer? Wenn wir uns dessen „neues“ Gemälde ansehen, „Die schöne Leserin“, müssen wir sagen: Nicht in jeder Beziehung. Was Vermeer uns bietet, ist unübertrefflich: Den sinnlichen Nachvollzug freudiger, hoffnungsvoller, sinnlicher Erregung.

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