Interviews

Patricia Petapermal & Tatjana Lee im Gespräch

Das Künstlerinnenduo Patricia Petapermal und Tatjana Lee

Die indisch-französische Künstlerin Patricia Petapermal und die deutsch-koreanische Künstlerin Tatjana Lee arbeiten in einer Gemeinschaft in München zusammen, wo sie ihre Leinwände in den ersten Entstehungsphasen tauschen. Dadurch, und durch stetigen Austausch während des gesamten Schaffensprozesses, entstehen besonders kraftvolle Bilder. In ihren Werken legen sie den Fokus auf Problemzonen der Gesellschaft, wodurch sie neue interkulturelle Perspektiven eröffnen und Diversität unterstützen wollen. Wir sprachen mit beiden Künstlerinnen, um mehr über ihre Zusammenarbeit und den Einfluss ihrer kulturellen Hintergründe auf ihre Kunst zu erfahren. Das Gespräch führte Annika Nein.  

Wie arbeitet ihr zusammen? Wie sieht euer Arbeitsprozess aus?

Wir legen am Anfang einer Serie ein Format und eine vorrangige Farbauswahl fest. Jeder bemalt seine Leinwand. Oft wird geschrieben, gekleckst oder es werden große Formen gemalt. Dabei spielen Momentaufnahmen unserer Lebenssituation eine Rolle. Interessanterweise greifen wir häufig, unabhängig voneinander, zu den gleichen Techniken. Danach werden die Leinwände getauscht.

Tatjana Lee und Patricia Peterma, "Santoki",  2019. Acryl auf Leinwand,  160x120cm.
Tatjana Lee und Patricia Petapermal, „Santoki“, 2019. Acryl auf Leinwand, 160x120cm.

„Santoki“ ist der Titel eines koreanischen Kinderliedes, das von einem Berghasen handelt. Das Werk stellt die Themen Kindheit, Natur, Umweltverschmutzung, Digitalisierung zur Diskussion.

Wir suchen in den von der anderen Malerin vorgegebenen Strukturen nach Formen, die wir weiterentwickeln wollen. Es wird ein kreativer Keim in das Bild gepflanzt, der das Werk nicht nur bildlich, sondern auch gedanklich weiterentwickeln wird. Dabei hat jede von uns freie Hand. Diese zweite Ausarbeitung geht deutlich weiter als die erste. Der folgende Tausch der Leinwand tut schon ein Stück weit weh, weil man eigentlich das Bild jetzt fertig malen möchte.

Es ist spannend zu sehen, was die andere dem Bild mitgegeben hat. Wir diskutieren die Gedankengänge dazu und Ideen, wie das Bild fertig gemalt werden könnte. Letztlich entscheidet jeder selbst, wie viel übermalt und was erhalten wird. Durch diese konstruktive Zerstörung entwickelt sich eine kraftvolle Dynamik, die man alleine so nicht ins Werk einbringen könnte.

Wie habt ihr euch kennengelernt?

Patricia: Tatjana ist zu mir gekommen, um ihre Identität in der Kunstwelt zu finden. Danach haben wir, wie in jeder Beziehung, Zeit gebraucht, unseren gemeinsamen Weg zu finden. Es war wichtig, sich Zeit zu nehmen um zusammen zu wachsen. Beim gemeinsamen Malen haben wir spontan die Leinwände getauscht. So hat sich eins zum anderen gefügt. Wie man am Ergebnis sehen kann, war es eine gute Entscheidung, denn dadurch haben unsere Bilder eine starke Kraft bekommen.

Tatjana: Zu Beginn meiner künstlerischen Ausbildung war Patricia meine Mentorin. Nach kurzer Zeit haben wir angefangen, an gemeinsamen Projekten zu arbeiten. Von Bildbesprechungen und Messebesuchen über gemeinsame Ausstellungen sind wir zum gemeinsamen Malen übergegangen. Wir haben festgestellt, dass durch diese Art der Zusammenarbeit einzigartige, starke Werke entstehen. Demnächst realisieren wir ein gemeinsames „Kunst am Bau“-Projekt.

 Tatjana Lee und Patricia  Petapermal, "Evolution", 2019.  Acryl, Pastell auf Leinwand,  160x120cm.
Tatjana Lee und Patricia Petapermal, „Evolution“, 2019. Acryl, Pastell auf Leinwand, 160x120cm.

Wie beeinflusst euer kultureller Hintergrund eure Kunst? Und welchen kulturellen Hintergrund habt ihr?

Tatjana: Tatsächlich lässt sich das schwer sagen. Denn ich bin so, wie ich durch meinen deutsch-koreanischen Hintergrund bin. Für mich ist das normal. Ich selbst würde mich als „normale“ Deutsche bezeichnen, aber im Laufe des Lebens fallen kleine Unterschiede auf. Wie etwa, dass auf die unvermittelte Frage: „Woher kommen Sie?“ meine Antwort: „aus Pfaffenhofen“ nicht gelten gelassen wird, sondern oft mit „Nein, woher kommen Sie wirklich?“ gekontert wird. Dass ich im Chiemgau aufgewachsen und in München geboren wurde, will da niemand wissen. Man wird tatsächlich dazu gezwungen, sich mit seiner eigenen Identität zu beschäftigen. Den Platz, den man in dieser Welt einnimmt und wie man im Verhältnis zu seinem Mitmenschen steht, nimmt man dadurch bewusster war.

Patricia: Ich denke wie Tatjana, ich bin was ich bin! Wenn ich sage:  „Ich komme aus Paris“, ernte ich oft erstaunte Reaktionen: „Ah so? Ich hätte nicht gedacht…“ dann antworte ich immer: „Ah ja, ein Teil von mir, der andere ist aus Indien.“ In solchen Situationen merken wir, wir haben das Glück und die Herausforderung einen multikulturellen Hintergrund zu haben.

Tatjana Lee und Patricia  Petapermal, "Brave New World", 2019.  Acryl auf Leinwand,  160x120cm.
Tatjana Lee und Patricia Petapermal, „Brave New World“, 2019. Acryl auf Leinwand, 160x120cm.

Wünscht ihr euch, dass eure Kunst Menschen beeinflusst? Wenn ja, wie?

Wir lenken den Fokus auf Problemzonen der Gesellschaft. Wir bieten den Menschen fesselnde Bilder mit Seele, im Gegenzug fordern wir mit den Werken von den Betrachtern Selbstreflektion ein. Im besten Fall eröffnen wir durch diesen Prozess neue interkulturelle Perspektiven, weiten den Horizont und unterstützten Diversität.

Habt ihr gewisse Rituale, die ihr vollzieht, bevor ihr gemeinsam an einem Kunstwerk arbeitet?

Wir fahren gemeinsam mit dem Auto ins Atelier und reden über die Planung für die Bilder und Projekte.

Und wie bereitet ihr euch auf ein gemeinsames Arbeitsprojekt vor? Wie entscheidet ihr, was euer nächstes Arbeitsprojekt ist?

Wir entscheiden nicht. Die Welt macht das für uns! Wir reflektieren Themen, die uns aktuell bewegen. Durch unsere enge Zusammenarbeit und Gespräche ergeben sich ähnliche Brennpunkte.

Gab es schon größere Probleme in eurer Zusammenarbeit? Oder ist eure Zusammenarbeit sehr harmonisch?

Patricia: Unsere Zusammenarbeit ist harmonisch, ich schätze Tatjana als Person wie als Künstlerin. Es ist für mich ein Geschenk des Lebens.

Tatjana: Eigentlich sind wir beide Einzelgänger. Umso erstaunlicher ist es, dass wir uns perfekt ergänzen. Nicht nur beruflich, sondern auch privat finden wir immer mehr Gemeinsamkeiten. Ich glaube, es ist der Beginn einer wunderbaren Freundschaft.

Tatjana Lee und Patricia Petapermal, 2019.  Acryl auf Leinwand,  160x120cm.
Tatjana Lee und Patricia Petapermal, 2019. Acryl auf Leinwand, 160x120cm.

Patricia, gibt es Eigenheiten, die Tatjana während des künstlerischen Prozess zeigt? Und Tatjana, gibt es Eigenheiten, die Patricia an den Tag legt?

Patricia: Es ist ein normaler Prozess geworden, dass Tatjana auf meine Leinwand zugeht und ihr Feedback äußert. Umgekehrt mache ich das Gleiche. Im Leben sollte man sich für einen konkreten Weg entscheiden. Wir haben uns für einen gemeinsamen Weg entschieden und es war der richtige.

Tatjana: Manchmal drehen wir die Leinwände beim Malen voneinander weg, um uns zu überraschen. Wir ziehen uns dann auch mit provozierenden Kommentaren auf. Wir malen gleichzeitig und das ist gut, weil man von der Weiterentwicklung auf der eigenen Leinwand abgelenkt ist.

Wie seht ihr euch in der derzeitigen Kunstszene etabliert? Wie werdet ihr als Frauenduo aufgenommen? Gab es auch schon negative Erfahrungen?

Was für uns inzwischen alltägliche Zusammenarbeit ist, wird von außen oft bestaunt. Es scheint in der derzeitigen Kunstszene eher ein verbissener Konkurrenzkampf unter Künstlern als Normalzustand vorzuherrschen. Tatsächlich ist unsere Art der Kunstarbeit einzigartig. Daher stößt sie auf immer größer werdende Aufmerksamkeit. Wie auch dieses Interview beweist, vielen Dank dafür.

Was und wo ist euer Lieblingsplatz auf der Welt? Und welche Erinnerungen verbindet ihr mit diesem Ort?

Patricia: Wir sind repräsentativ dafür, dass ein interkulturelles Leben möglich ist. Ich denke mein Lieblingsplatz ist einfach, wo ich bin.

Tatjana: Ich kann Patricia nur zustimmen. Ich verbinde meinen Lieblingsort mit den Menschen, die ich liebe, und das kann überall sein.

 Tatjana Lee und Patricia Petapermal, 2019. Acryl auf Leinwand,  160x120cm.
Tatjana Lee und Patricia Petapermal, 2019. Acryl auf Leinwand, 160x120cm.

Weitere Informationen über die Künstlerinnen und ihr Werk finden Sie unter: Singulart-Tatjana Lee | Singulart-Patricia Petapermal.

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