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Wenn Frauen bauen: 4 berühmte Architektinnen und ihre Werke

Querschnitt des von Zaha Hadid entworfenen Messner Mountain Museum Corones. Foto via MMM Corones.

Natürlich können Frauen bauen. Allerdings war Architektur lange eine Männerdomäne – und ist es bis heute. Anfang 2018 betrug der Anteil der Architektinnen und Stadtplanerinnen in Deutschland nur rund 34 Prozent. Der Pritzker-Preis, der seit 1979 an die weltbesten Architekten verliehen wird, wurde an 41 Männer und nur drei Frauen vergeben. Nichtsdestotrotz haben Frauen in den letzten anderthalb Jahrhunderten wichtige Maßstäbe für die moderne Architektur gesetzt. Wir stellen vier der einflussreichsten Architektinnen und ihre wichtigsten Werke vor.

Titelbild: Querschnitt des von Zaha Hadid entworfenen Messner Mountain Museum Corones. Foto mit freundlicher Genehmigung von MMM Corones.

Eileen Gray (1878-1976) Das Haus als lebendiger Organismus

Die Architektin Eileen Gray. Foto: Wikicommons.

Eileen Gray war eine irische Architektin und Designerin. Sie studierte Kunst in London und Paris, wo sie sich mit 26 Jahren niederließ. Dort wurde aus der Kunststudentin eine Avantgardistin der klassischen modernen Architektur. Ihr mit Abstand bekanntester Entwurf ist der „E-1027 Adjustable table“, ein höhenverstellbares Beistelltischchen. Mit 49 Jahren baute sie ihr erstes Haus.

Der „E-1027“ als Beistelltisch.

„E-1027 Adjustable table“ besteht aus einem verchromten Stahlrohr und einer Kristallglasplatte, revolutionären Werkstoffen für das Jahr 1927. Auch das Design des Tisches besticht durch seine Schlichtheit und Praktikabilität: sein Fuß ist so konzipiert, dass er unters Bett geschoben werden kann – so wird E-1027 zum Frühstückstisch.

Interieur der Villa „E-1027“: Neben dem gleichnamigen Tisch sind auch Eileen Grays Stuhl „Bibendum“ sowie ein Wandbild von Le Corbusier zu sehen. Foto: Manuel Bougot.

Der Tisch ist nach der gleichnamigen Villa benannt, die Gray in Frankreich gemeinsam mit ihrem 15 Jahre jüngeren Liebhaber und Architekten Jean Badovici plante. „E-1027“ ist ein Initialen-Code und gleichzeitig eine Liebeserklärung: E steht für Eileen (E), J für Jean (J ist der zehnte Buchstabe im Alphabet), 2 für Badovici und 7 für Gray. In dem Sommerhaus, das zwischen 1925 und 1929 entstand, sind Innenräume und Natur eng verzahnt. Der L-förmige Flachdachbau mit raumhohen Fenstern liegt direkt am Meer und bietet den Bewohnern trotz seiner offenen Architektur individuelle Rückzugsorte.

Eileen Grays Villa „E-1027“. Foto: Manuel Bougot.

Für Eileen Gray waren Häuser lebende Organismen. „Ein Haus ist keine Maschine“, schrieb sie, sondern eine „Hülle des Menschen“. Architektur sollte das Leben bereichern. „Formeln haben keinen Wert, das Leben ist es, was zählt. Und das Leben besteht aus beidem, Geist und Herz.“

Lina Bo Bardi (1914 – 1992) – Die Verbindung von Tradition und Moderne

Lina Bo Bardi 1952 in ihrer „Casa de Vidro“.

Lina Bo Bardi, geboren in Rom als Achillina di Enrico Bo, war eine italienisch-brasilianische Architektin. Mit ihren Bauten, Möbeln, Ausstellungen und Theorien spielte sie insbesondere in Brasiliens Architekturszene eine wichtige Rolle. Bereits ihr erstes Bauprojekt, die „Casa de Vidro“ („Gläsernes Haus“) wurde zur Ikone der Architektur.

Nach ihrem Architekturstudium zog Lina Bo Bardi nach Mailand. Dort arbeitete sie als Illustratorin und, zunächst unentgeltlich, im Architekturbüro von Giò Ponti. 1946 heiratete sie den Galeristen, Kunstkritiker und Journalisten Pietro Maria Bardi und wanderte mit ihm nach Brasilien aus, wo sie eine Reihe bedeutender Bauwerke schuf.

Die Hangseite der „Casa de Vidro“. Foto: Nelson Kon / Baunetzwoche.
Lina Bo Bardi 1952 auf der Treppe des Gläsernen Hauses. Foto : Wikicommons.

Die Casa de Vidro besteht aus einem rechteckigen Block mit Flachdach und imposanter Glasfassade, der so auf Säulen steht, dass das Haus zu schweben scheint. In dem Bau, dessen transparente Konstruktion es ermöglicht, die Außenwelt zu beobachten, lebten die Architektin und ihr Mann über 40 Jahre. Weitere wichtige Bauprojekte waren die SESC Pompeia in São Paulo, eine ehemalige Fassfabrik, die sie zu einem Kultur– und Sportzentrum umbaute, und das Museo de Arte de São Paulo (MASP), bekannt als „schwebendes Museum“.

Das Kunstmuseum „MASP“ in São Paulo , erbaut von Lina Bo Bardi in den Jahren 1957 bis 1968. Foto: Wikicommons.

Die Theorie dahinter: Architektur soll Räume für das kulturelle Zusammenleben schaffen. Dabei strebte Lina Bo Bardi nicht nach Vereinfachung und Klarheit, sondern nach Vielfalt und Überraschung. „Einen einzelnen Ausdruck für alle Kulturen der Welt zu finden ist eine Idee, die scheitern muss“.

Zaha Hadid (1950 – 2016) – Wilde Schrägen, dynamische Rundungen

Zaha Hadid 2013 vor dem Modell des Heydar-Aliyev-Zentrums in Baku. Foto: Wikicommons.

Wer kennt nicht die organisch anmutenden Entwürfe der irakischen Architektin Zaha Hadid? Zaha Hadid gehört heute zu den berühmtesten Architektinnen der Moderne. Als erste Frau überhaupt erhielt sie 2004 den „Nobelpreis“ der Architektur, den Pritzker-Preis. Ihren Baustil beschreibt die Architektin selbst als kinetisch und fließend. Ihre Gebäude erwecken den Eindruck, als würden sie sich bewegen.

Zaha Hadid wurde 1950 in Bagdad geboren. Nach dem Studium der Mathematik in Beirut zog sie nach London, wo sie Architektur studierte. Großbritannien blieb zeitlebens ihre Wahlheimat. Mit 43 Jahren schaffte sie den Durchbruch als Architektin und realisierte ihren ersten Entwurf: das Feuerwehrhaus des Vitra-Werks in Weil am Rhein.

Die Feuerwache auf dem Vitra-Campus in Weil am Rhein. Foto via Cheeta_flicks / flickr.

1993 stellte sie die Feuerwehrwache fertig – entgegen der Warnungen vieler Kritiker, die ihre Entwürfe als bautechnisch unmöglich bezeichneten. Die Feuerwache besteht aus Räumen für Feuerwehrautos, Duschen, Umkleideräumen und einem Besprechungsraum mit Küche. Sie wurde vor Ort in Beton gegossen und hat keine rechten Winkel.

Hadids größtes Bauwerk in Deutschland ist das „phaeno“ in Wolfsburg, ein interaktives Museum für Naturwissenschaften. Das zwischen 2001 und 2005 entstandene Gebäude wirkt trotz seiner enormen Größe fast schwerelos.

Das von Zaha Hadid entworfene Messner Mountain Museum Corones in Südtirol am Tag seiner Eröffnung. ©www.wisthaler.com
Ein Ausstellungsraum des Messner Mountain Museum Corones. Das Gebäude wurde in den Felsen des Bergmassivs hineingebaut. ©www.wisthaler.com

Zu ihren letzten Werken gehörte das Reinhold-Messner-Museum. Der spektakuläre Bau steht am Rand eines Aussichtsplateaus in den Dolomiten in 2.275 Meter Höhe.

Zaha Hadid baute wie kein anderer. Nur ein Haus für sich selbst hat sie nicht bauen wollen, wie sie einmal sagte: „Ich bin kaum jemals zu Hause.“

Kazuyo Sejima (*1956) – Schwebend leichte Entwürfe

Kazuyo Sejima, 2009. Foto: Wikicommons.

Die japanische Stararchitektin wurde durch scheinbar schwebende Bauten berühmt. 2010 leitete sie als erste Frau die Architekturbiennale in Venedig und gewann, gemeinsam mit ihrem Partner, den Pritzker-Preis. Zurzeit ist sie die gefragteste Architektin der Welt.

Kazuyo Sejima studierte an der Frauenuniversität in Tokio Architektur. 1989 gründete sie ihr eigenes Büro in Tokio, aus dem später das Architekturbüro SAANA hervorging. In dem Studio entwirft sie mit ihrem Partner Ryūe Nishizawa (*1966) seither minimalistische Bauten aus Stahl, Sichtbeton, Glas und Aluminium. Farbe wird kaum eingesetzt.

Das SAANA-Gebäude „Zollverein-Kubus“ in Essen. Foto: Wikicommons.

Ein herausragendes Beispiel für die filigranen Entwürfe der Architektin ist der Zollverein-Kubus der School of Management and Design in Essen. Der Bau wirkt trotz seiner Betonfassade und der monolithischen Bauweise fast tänzerisch.

Nach dem verheerenden Tsunami im März 2011, der Teile Japans zerstörte, initiierte Kazuyo Sejima mit Architektenkollegen das Wiederaufbau-Projekt „Home for All“. Die durch das Projekt realisierten Unterkünfte und Begegnungsorte sollen die Achtung vor dem Menschen und der Natur in den Mittelpunkt stellen.

Kazuyo Sejima & Ryue Nishizawa / SAANA: Home for All, Tsukihama, Miyatojima (Japan). Foto: Home-for-All.

Dass Frauen es so schwer haben in der Architektur, erklärt Kazuyo Sejima damit, dass große Bauprojekte „in enger Beziehung zur Politik“ stünden. „Und da hat man es als Frau, zumindest in Japan, nicht leicht.“

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