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Sandro Botticellis „Primavera“ – Eine Werkanalyse

Das Gemälde "Primavera" von Sandro Botticelli

Das Gemälde „Primavera“ (Frühling) zählt neben der „Geburt der Venus“ zu den berühmtesten Werken des italienischen Renaissancemalers und Zeichners Sandro Botticelli (1446 – 1510). Botticelli begann mit dem Werk um 1482, nachdem er seine Fresken in der Sixtinischen Kapelle in Rom fertiggestellt hatte. Das Temperagemälde besteht aus sieben miteinander verbundenen Brettern aus Pappelholz und misst 203 x 314 cm.

„Primavera“ zeigt acht Personen, teils ganz in die dargestellte Handlung – den Tanz, die Kontemplation, die Verwandlung – versunken, teils den Betrachter fixierend. Ihre Körper sind detailgetreu gemalt und heben sich klar vom dunklen Bildhintergrund, Blüten, Früchten und Zweigen, ab. Körper zu studieren und anatomisch genau zu malen, war bei Künstlern der Renaissance beliebt, so auch bei Botticelli. Daran lässt sich erkennen, dass mit der Renaissance der Mensch in seiner körperlichen Beschaffenheit ins Zentrum der Betrachtung rückte. Das Zeitalter der Renaissance kann daher mit Recht als Beginn der neuzeitlichen anthropozentrischen Weltsicht bezeichnet werden.

Analyse und Interpretation des Werks

Das Werk zu interpretieren ist schwierig. Das liegt zum einen an seiner verschlüsselten Bildsprache, die wohl nur diejenigen in Gänze verstehen konnten, die zu den humanistisch gebildeten Zeitgenossen Botticellis gehörten. Die literarischen, philosophischen und ikonografischen Bezüge sind so zahlreich wie komplex. In Botticellis Gemälde finden sich Anspielungen auf die neuplatonische Philosophie sowie auf Werke der humanistischen, lateinischen und griechischen Literatur. Es gibt daher viele verschiedene, teils einander ergänzende, teils sich widersprechende Deutungsansätze: Einige Kunsthistoriker halten es für ein klassisches Hochzeitsbild, andere entdecken darin komplexe Allegorien und behaupten, das Bild stelle eine Szen griechischer Mythologie dar. Wiederum andere interpretieren das Werk astrologisch und berufen sich dabei auf astrologische Berechnungen und Spekulationen zu Himmelsgestirnen, die während der Renaissance und insbesondere am Hof der Medici mit Vorliebe angestellt wurden. Klar ist, dass Botticelli sich als einer der ersten Renaissancemaler in die antike Mythologie vertieft hatte. Dass sich Motive daraus auch in seiner „Primavera“ wiederfinden, ist anzunehmen und wird in der folgenden Detailanalyse des Werks vorausgesetzt.

Details des Gemäldes

„Primavera“ zeigt neun menschliche Figuren im blumigen Gras in einem Hain von Orangen- und Lorbeerbäumen, durch deren Stämme das helle Blau des Himmels bricht. Wie auch bei Botticellis Werk „Geburt der Venus“ mag der Hain eine Anspielung auf den Garten der Hesperiden sein, in dem, dem Mythos nach, Nymphen einen Wunderbaum mit goldenen Äpfeln hüten. Sechs der Figuren sind Frauen. Sie werden flankiert von je einem Mann am linken und rechten Bildrand, und stehen leicht versetzt im Gras. Ein Putto schwebt über ihnen. Die Figuren sind in hellen Tönen gehalten und stehen damit in Kontrast zur in dunklen Farben gehaltenen Umgebung.

Detailansicht (linke Bildhälfte): Chloris und Zephir. Quelle: Uffizien Florenz.

1. Zephyr, Chloris und Flora

Die Dreiergruppe in der rechten Bildhälfte beginnt mit Zephyr, einem Gott der griechischen Mythologie, der den Westwind verkörpert. Der schwebende Windgott, ganz in Blau- und Grüntönen gehalten, mit aufgeblasenen Backen und wehendem Gewand, wirkt nicht gerade gutmütig. Er scheint eine der Frauen packen zu wollen, die sich mit verängstigtem Gesicht an ihrer Nachbarin  festhält. Diese Szene findet sich auch in einem Gedicht Ovids. Darin beschreibt er, wie die jungfräuliche Nymphe Chloris im Frühling spazieren geht, als sie plötzlich von Zephyr, dem Windgott und Boten des Frühlings, geraubt wird. Dieser macht Chloris gewaltsam zu seiner Frau, wodurch sie zu Flora wird, der Göttin der Blüte. Offenbar handelt es sich bei der von Botticelli mit Blumen im Mund gemalten, von Zephyr bedrängten Frau also um Chloris. Die mit Blumen geschmückte Frau neben ihr stellt dieser Interpretation nach keine andere Frau dar, sondern wiederum Chloris, nur in verwandelter Gestalt: als Flora, als Allegorie des Frühlings.

Detailansicht (linke Bildhälfte): Flora.
Detailansicht (linke Bildhälfte): Flora. Quelle: Uffizien Florenz.

2. Venus, Amor, die drei Grazien und Merkur

Im Mittelpunkt des Gemäldes steht eine Frau, keusch gekleidet, mit einem roten Umhang am Arm, etwas versetzt von den andere. Es ist  wohl keine andere als Venus, Göttin der Liebe und der Schönheit Vor einem Myrtenstrauch stehend, scheint sie den Betrachter des Bildes anzusehen, während ihre Hände  eine beschützende oder beruhigende Geste andeuten. Bei dem Putto mit Flügeln über ihr handelt es sich vermutlich um Amor, den Gott der Liebe und häufigen Begleiter der Venus, der mit verbundenen Augen einen Liebespfeil abschießt. 

Detailansicht (Bildmitte): Venus und, über ihr, Eros. Quelle: Flickr.
Detailansicht (Bildmitte): Venus und, über ihr, Eros. Quelle: Flickr.

In der linken Bildhälfte sind die drei Grazien (griechisch „Chariten“ ) zu sehen, die den Göttern Anmut, Schönheit und Festfreuden bringen. Sie halten sich offenbar tanzend an den Händen. 

Am linken Rand wird die Bildkomposition vom Götterboten Merkur, erkennbar an Helm und geflügelten Sandalen, abgeschlossen, der mit seinem Stab eine aufziehende Wolke wegzuschieben scheint.

Detailansicht (rechte Bildhälfte): Die drei Grazien. Quelle: Uffizien Florenz.
Detailansicht (rechte Bildhälfte): Die drei Grazien. Quelle: Uffizien Florenz.

3. 190 Pflanzenarten

Die dunkle Farbe der Vegetation im Bildhintergrund ist zum Teil auf den Alterungsprozess des Pigments zurückzuführen. Sie wird  durch die Fülle an Früchten und Blüten aufgehellt. Nach der Restauration des Werkes 1980 war es möglich, über 190 Pflanzenarten zu identifizieren. Botticelli mag ein Herbarium verwendet haben, um all diese zwischen März und Mai in der florentinischen Landschaft blühenden Pflanzen darzustellen.

Allein an der Frühlingsgöttin Flora sind Irisblüten, Immergrün, Myrte, Kornblumen, Rosen, Nelken, wilde Erdbeeren, Hahnenfuß und roter Mohn zu sehen. Die Myrte ist Grund der Interpretation des Werkes als Hochzeitsgemälde, denn Myrtenkränze wurden sowohl bei den Griechen als auch bei den Römern als Brautschmuck verwendet. Ihre Zweige stehen als Symbol für Jungfräulichkeit, Lebenskraft und Kindersegen. Die unglaubliche Präzision, mit der Botticelli die verschiedenen Pflanzen bis ins kleinste Detail malte, zeugt von seiner Hingabe zu diesem Werk.

Offene Fragen

Nach wie vor sind sich Kunsthistoriker uneins, wer das Gemälde wann und für welchen Zweck in Auftrag gegeben hat. Belegt ist, dass das Werk Ende des 15. Jahrhunderts im Haus eines Mitglieds der Familie Medici hing und später in die Villa di Castello umgesiedelt wurde, wo es  der Architekt, Hofmaler, Künstlerbiograf und einer der ersten Kunsthistoriker überhaupt: Giorgio Vasari wohl 1550 gesehen hatte. Heute wird das Werk in der Gallerie degli Uffizi in Florenz ausgestellt.

Auch wenn die Bedeutung der Komposition nie vollständig wird entschlüsselt werden können – Botticellis „Primavera“ bleibt Sinnbild einer Feier der Liebe, der Schönheit und des festlichen Lebens in Florenz.

Titelbild: „Pimavera“ von Sandro Botticelli. Quelle: Wikicommons / Livioandronico2013, CC BY-SA 4.0.

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