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Meisterwerke: Offenes Fenster in Collioure von Henri Matisse

Offenes Fenster

Offenes Fenster in Collioure (französischer Originaltitel Fenêtre ouverte à Collioure) ist eine Explosion von Farben aus der fauvistischen Periode von Henri Matisse. Das Gemälde von 1905 zeigt den Blick aus einem Fenster im südfranzösischen Dorf Collioure – ein an sich konventionelles Sujet, das Matisse allerdings in einem damals bahnbrechenden Stil darstellte. Singulart geht in diesem Beitrag näher auf den Fauvismus in Verbindung mit Matisses Werk und die Techniken ein, die Offenes Fenster in Collioure zu einem seiner berühmtesten Gemälde gemacht haben.

Wer war Henri Matisse?

Geboren 1869 in Nordfrankreich, hatte Henri Matisse zunächst nicht vor, Künstler zu werden. Er studierte in Paris Rechtswissenschaften und lag mit einer Blinddarmentzündung im Krankenhaus, als er seine Leidenschaft für das Malen entdeckte. Daraufhin brach er das Jurastudium ab und schrieb sich stattdessen 1891 an der privaten Kunstschule Académie Julian in Paris ein. 1895 wurde er an der renommierten École des Beaux-Arts aufgenommen. Zu seinen Lehrern zählten William-Adolphe Bouguereau und Gustave Moreau, bei denen Matisse Erfahrung im Malen traditioneller Stillleben und Landschaftsbilder sammelte.
Als er 1896 den australischen Maler John Peter Russell kennenlernte, schlug er jedoch eine völlig andere Richtung ein, und sein Malstil veränderte sich grundlegend. Russell führte ihn in die impressionistische Malweise ein und machte ihn mit dem Werk von Vincent van Gogh bekannt. Matisse meinte später: „Russell war mein Lehrer und Russell erklärte mir die Farbtheorie.“

Während seiner gesamten Laufbahn war Matisse zutiefst beeindruckt von anderen Künstlern und verschuldete sich beim Kauf von Kunstwerken, die für ihn inspirierend waren. Er erwarb etwa Cézannes Gemälde Drei Badende, das in Bildstruktur und Farbgebung einen starken Einfluss auf seine eigene Arbeit hatte.

Paul Cézanne, Drei Badende, 1879-1882.

Obwohl Matisse einer der Begründer des Fauvismus war, malte er ab 1907 nicht mehr in diesem Stil. Stattdessen setzte er in seiner darauffolgenden experimentellen Periode vereinfachte Formen und flache Farbflächen ein. Für seine stark vom Ersten Weltkrieg beeinflussten Werke von 1911 bis 1916 verwendete Matisse nicht die leuchtenden Farben, für die er bekannt war, sondern eine gedämpfte Farbpalette. Im Lauf der nächsten Jahre schuf er Bühnenbilder, widmete sich verstärkt der Arbeit an Skulpturen und unternahm zahlreiche Reisen. Anfang der 1930er Jahre wurde er damit beauftragt, ein Wandgemälde für die US-amerikanische Barnes Foundation zu schaffen. Matisse vollendete La Danse 1933, das auf drei Tafeln mit den Gesamtmaßen von 356,8 × 1432,5 cm das größte Wandbild ist, das er je gemalt hat.

1941 wurde bei Matisse Zwölffingerdarmkrebs diagnostiziert, zudem erlitt er zwei Lungenembolien. Während er sich von einer schweren Darmoperation erholte, entwickelte er seine Techniken der Découpage zu einer Kunstform weiter, die er als „Malen mit der Schere“ bezeichnete. So entstanden beispielsweise die Schnitt- und Klebekompositionen für sein 1947 erschienenes Buch Jazz. In den letzten Jahren seines Lebens arbeitete er im Auftrag der Familie Nelson Rockefeller an einem Glasfenster für eine kleine Kirche in Pocantico Hills, New York, in der auch mehrere Glasfenster von Marc Chagall zu sehen sind. 1954 starb Henri Matisse im Alter von 84 Jahren an einem Herzinfarkt in Nizza, wo er auch beerdigt ist.

Was versteht man unter Fauvismus?

Während es nur drei Ausstellungen gab, die die den Fauvismus als Stilrichtung präsentierten, erwies er sich als wichtiger Vorläufer des Kubismus und Expressionismus. Den Namen prägte der Kritiker Louis Vauxcelle 1905 beim Besuch des Salon d’Automne, als er über eine Büste in florentinischer Art inmitten der farbenfrohen Gemälde meinte, sie wäre ein „Donatello au milieu des fauves“ (Donatello inmitten wilder Tiere). Vauxcelle wiederholte den Begriff in seinen Artikeln, und so wurden Maler dieser Stilrichtung von da an als „Fauves“ bezeichnet.

Matisse gilt allgemein als Vater des Fauvismus, obwohl die Bewegung stark von den Lehren von Moreau geprägt war. Charakteristisch für die Stilrichtung ist die Verwendung von intensiven Farben und malerischen Qualitäten anstatt des Realismus, der in anderen Kunstwerken dieser Zeit dominierte. Diese Maler setzten Farbe nicht mehr rein gegenständlich ein, sondern benutzten sie als eigenständiges Element, um eine gewisse Stimmung zu projizieren und Emotionen zu wecken. „Der Fauvismus ist dadurch entstanden, dass wir die nachahmenden Farben abgelehnt und mit den reinen weit stärkere Wirkungen […] erzielt haben, abgesehen von der Leuchtkraft der Farben“, sagte Matisse. Obwohl die Werke durchaus konventionelle Sujets zeigen, rief die Ausstellung im Salon d’Automne starke Reaktionen und vor allem Ablehnung hervor. In Kritiken wurde etwa davon gesprochen, dass „ein Kübel Farbe über den Kopf des Publikums“ geschüttet worden sei. Besonders die Werke von Matisse erhielten viel negative Aufmerksamkeit, die so weit ging, dass Besucher eines seiner Gemälde zu zerstören versuchten.
Der Fauvismus als Bewegung zerbrach zwischen 1907 und 1910, doch die nachhaltige Wirkung wird an den darauffolgenden Stilrichtungen des Kubismus und Expressionismus deutlich.

Der Stellenwert von Offenes Fenster in Collioure

Matisse schuf das 55,3 × 46 cm große Gemälde in Öl auf Leinwand, während er im Sommer 1905 in Collioure arbeitete. Es wurde im selben Jahr auf dem Salon d’Automne in Paris ausgestellt und gilt als eines der wichtigsten Werke im Stil des Fauvismus. Das Sujet ist traditionell: der Blick durch ein offenes, von Pflanzen umgebenes Fenster auf das Meer mit Booten im Hafen von Collioure. Der Einsatz von Farbe unterscheidet das Bild jedoch von den realistischeren Darstellungen aus dieser Zeit. Matisse sagte: „Wenn ich einen Grünton auftrage, ist es nicht das Gras. Wenn ich einen Blauton auftrage, ist es nicht der Himmel.“

Offenes Fenster in Collioure von Henri Matisse

Für den Betrachter ist klar, was dargestellt wird, doch wirkt es durch die leuchtende Farbpalette surreal und durch die starke Pinselführung leicht abstrakt. Matisse bemühte sich um eine maximale Farbintensität und verzichtete im Wesentlichen auf das Einsetzen von Chiaroscuro, dem Spiel aus Licht und Schatten, das eine Illusion von Volumen und räumlicher Tiefe erzeugt. Stattdessen ist die Innenwand, die das Fenster umgibt, gleichmäßig in weite Bereiche von Blaugrün und Fuchsia unterteilt. Dieser Kontrast ergibt sich aus der komplementären Gegenüberstellung von Grün und Rot auf dem Farbkreis und ist auch bei den Blumentöpfen am unteren Bildrand zu sehen. Komplementärkontraste sind in dem Gemälde reichlich zu finden, unter anderem in der Kombination blauer Bootswände mit roten Masten. Jeder Bereich des Gemäldes ist in anderen Pinselstrichen ausgeführt, was ihm lebhafte Energie und den Eindruck von Spontaneität verleiht.
Offenes Fenster in Collioure gilt als Ikone der frühen modernen Malerei. 1998 gelangte das Gemälde als Geschenk der Erben des Kunstsammlers John Hay Whitney in den Besitz der National Gallery of Art in Washington, D.C., wo es seitdem ausgestellt ist.

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