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Rembrandts „Die Nachtwache“ und das Goldene Zeitalter der Niederlande

Die Nachtwache aus dem Jahr 1642 ist eines der Hauptwerke des niederländischen Malers Rembrandt van Rijn. Mit den stolzen Maßen von 363 × 437 cm ist es zugleich eines der bekanntesten Werke aus dem Goldenen Zeitalter der Niederlande und gilt mit seinen Hell-Dunkel-Kontrasten als Meisterwerk des Chiaroscuro. Das komplexe Gemälde in Öl auf Leinwand zeigt eine Schützenkompanie der Bürgerwehr, die sich zum Schutz der Stadt auf den Aufbruch vorbereitet. Im Gegensatz zu anderen niederländischen Schützenstücken stellte Rembrandt die Personen in Aktion dar, statt sie statisch in einem traditionellen Format zu positionieren. In diesem Artikel geht Singulart auf die Komposition des Werkes und den aufwändigen Restaurierungsprozess ein, der seit 2019 im Gange ist. 

Rembrandt und das Goldene Zeitalter der Niederlande

Im Laufe des 17. Jahrhunderts wurden die Niederlande zur wohlhabendsten europäischen Nation in Handel, Wissenschaft und Kunst. Der finanzielle Aufstieg der Kaufleute und des Bürgertums führte zu einem Anstieg bei der Nachfrage nach Kunst, und so wurden Werke von Malern wie Rembrandt, Frans Hals und Johannes Vermeer gleichermaßen bekannt wie begehrt.

Charakteristisch für die Kunst des Goldenen Zeitalters der Niederlande war eine Betonung weltlicher Themen. Anstatt religiöse Ikonen in den Mittelpunkt zu stellen, lag der Fokus auf Details aus dem täglichen Leben. Beispiele dafür sind Gemälde wie Vermeers Milchmagd oder die Darstellungen von Bauern in ihren Stuben von Adriaen van Ostade. Ein anderes beliebtes Sujet niederländischer Maler waren Landschaften, wobei die ländlichen Szenen mit Elementen von lokaler Bedeutung dargestellt wurden. Zu diesen Landschaftsbildern gehören Vermeers Ansicht von Delft, ein Porträt seiner Heimatstadt, oder die Werke von Jacob van Ruisdael, der durch seine lebendigen Bilder als herausragender Landschaftsmaler des Goldenen Zeitalters gilt.

 Vanitas from the Dutch School, 17th Century
Vanitas-Stillleben der niederländischen Malerei, 17. Jh.

Auch die Malerei von Stillleben trat in dieser Zeit in den Vordergrund, wobei der Schwerpunkt auf dem Thema der Vanitas lag – Stillleben mit Bezug auf Tod und Verfall. In der zweiten Hälfte des Goldenen Zeitalters der Niederlande kam das Genre der sogenannten „Pronkstilleven“ auf, pompöse Stillleben. Anstatt sich auf Themen wie Leben, Verfall und Tod zu konzentrieren, zeigten Pronkstilleven exotische und wertvolle Gegenstände, etwa eine Fülle von Früchten oder Blumen. Eine Theorie ist, dass diese Darstellungen eines Überflusses an Reichtum Betrachter daran erinnern sollten, dass Reichtum und Schönheit vergänglich sind.

Komposition von Die Nachtwache

Rembrandt, The Night Watch, 1642
Rembrandt, Die Nachtwache, 1642.

Rembrandt wurde 1639 von Hauptmann Frans Banninck Cocq mit dem Gemälde Die Nachtwache beauftragt. Es stellt Männer der freiwilligen Bürgerwehr dar, deren Aufgabe es war, die Stadt zu schützen, indem sie auf Straßen patrouillierten, Brände löschten, Aufstände beendeten und den Anstand in der Stadt aufrechterhielten. Nach damaliger Tradition musste jedes in dem Kunstwerk dargestellte Mitglied ein „Sitzungshonorar“ an den Künstler zahlen. Einer der frühen Titel des Gemäldes lautete Porträt der Kompanie von Hauptmann Frans Banninck Cocq und Leutnant Willem van Ruytenburch, während sich fast 150 Jahre später schließlich der Titel „Nachtwache“ durchsetzte. Obwohl die dargestellte Szene nicht wirklich nachts spielt, hatte sich auf dem Kunstwerk über die Jahrzehnte Schmutz angesammelt, was ihm eine düstere und schemenhafte Atmosphäre verlieh.

Mit Die Nachtwache brach Rembrandt mit der Tradition der militärischen Porträts, weshalb es bis heute ein einzigartiges Schützenstück ist. Anstatt die Mitglieder der Bürgerwache in traditionellen Posen zu malen, etwa bei einem Bankett oder in Reihen sitzend, ist Rembrandts Gemälde ein lebendiges Porträt, das die geschäftige und turbulente Tätigkeit der Bürgerwehr zeigt.

In der Mitte des Bildes, beleuchtet von einem Lichtstrahl, sind Hauptmann Banninck Cocq und sein Leutnant Willem van Ruytenburch zu sehen, wie sie ihre Gruppe an Männern beim Aufbruch anführen. Banninck Cocq, ein wohlhabender, an der juristischen Fakultät ausgebildeter Bürger, ist elegant in Schwarz mit einer auffallend roten Schärpe gekleidet, während van Ruytenburch einen extravaganten gelben Anzug mit französischem Besatz und einer weißen Schärpe trägt. So wie Rembrandt die beiden Männer gemalt hat, scheinen sie bereit zu sein, aus der Leinwand zu springen und in Aktion zu treten.

Rund um die beiden Anführer herrscht reges Treiben. Als offizielle Waffe der Schützengilde sind Musketen besonders prominent vertreten, wobei jede Phase der Vorbereitung der Waffe dargestellt ist: Links auf dem Gemälde ist ein in Rot gekleideter Musketier zu sehen, der Pulver in die Mündung seiner Waffe schüttet und sie für den Abschuss vorbereitet. Daneben mit gestrecktem Bein ein Soldat, der einen mit Eichenblättern verzierten Helm trägt, beim Zielen oder Abfeuern. Und hinter dem Leutnant bläst ein Mann das Restpulver aus seiner Waffe, vermutlich nach dem Abfeuern. Diese Darstellungen lassen vermuten, dass Rembrandt die damals verfügbaren Waffenhandbücher gekannt hat. 

Detail of The Night Watch by Rembrandt © Rijksmuseum
Detailausschnitt von Rembrandts Die Nachtwache © Rijksmuseum.

Ein blondes Mädchen in einem prunkvollen Kleid nimmt in dem Gemälde einen prominenten Platz ein, wobei ihre Rolle eher die eines Maskottchens als die eines Mitglieds der Bürgerwehr ist. Einer der auffälligsten Aspekte ihrer Darstellung ist das tote Huhn, das an ihrem Gürtel hängt. Sowohl die Pistole als auch die Klauen des Huhns sind Symbole der Amsterdamer Büchsenschützen; ein totes Huhn steht zudem als Symbol für einen besiegten Feind. 

Rembrandt hat auch ein Selbstporträt in dem Gemälde hinterlassen – er ist als ein Mitglied der Bürgerwache dargestellt, sein Gesicht ist über der rechten Schulter von Hauptmann Banninck Cocq zu sehen.

Restaurierung

Im Juli 2019 begann im Amsterdamer Rijksmuseum eine aufwändige Restaurierung von Die Nachtwache. Im Laufe der Zeit wurde das Kunstwerk schon mehrmals restauriert, nachdem es beschädigt worden war, darunter durch Schnitte mit einem Schustermesser, einem Brotmesser und durch das Besprühen mit Säure. Die derzeitige Restaurierung unter dem Namen „Operation Nachtwache“ soll mehrere Jahre dauern und kann über einen Livestream vom Rijksmuseum mitverfolgt werden.

 Restoration of The Night Watch by Rembrandt  © Daniel Maissan
Restaurierung von Rembrandts Die Nachtwache © Daniel Maissan.

Das Gemälde wurde dafür aus dem Rahmen genommen und auf eine speziell angefertigte Staffelei in einem gläsernen Raum gestellt, in dem Fachleute auf beweglichen Podesten arbeiten. Zu Beginn wird jeder Zentimeter des Bildes zunächst mit Scannern, Lasern und Mikroskopen analysiert, und jede Schicht wird geröntgt. 56 Scans sind erforderlich, um das gesamte Kunstwerk abzudecken, wobei jeder Scan 24 Stunden dauert. Besucher des Museums werden in den Jahren der Restaurierung das Werk weiterhin durch die Glaswände betrachten können.

Taco Dibbits, Generaldirektor des Rijksmuseum, sagt dazu:

Die Nachtwache ist eines der berühmtesten Gemälde der Welt. Es gehört uns allen, und deshalb haben wir beschlossen, die Restaurierung direkt im Museum durchzuführen – und alle, wo auch immer sie sich befinden, werden den Prozess online mitverfolgen können.“

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