Interviews

Begegnung mit dem Künstler JP, Illustrator

JP, Du und deine Kunst?

In der ersten Klasse habe ich angeblich behauptet, ich wolle später etwas mit Kunst machen. Das bot sich an, denn Zeichnen hat mir immer Spaß gemacht und die 1 in Kunst hat diesen Spaß natürlich befeuert. Dann ging ich für meinen Schulabschluß nach England, wo ich feststellen mußte, daß ich eigentlich gar nicht zeichnen konnte. Zwei Jahre hatte ich nun Zeit, meine 4 in eine passable Note zu verwandeln. Am Ende bekam ich meine bis heute einzige Auszeichnung: bester Kunstschüler Englands.
Mit dem Zertifikat im Gepäck wurde ich in einem unscheinbaren Ort nah London an einer prestigeträchtigen Schule aufgenommen, die überhaupt nur vier Studenten pro Jahr aufnahm. Das Motto der Schule „Turning Talent into a Profession“ war kein leeres Versprechen. Nach vier Jahren an der Schule kam ich mir vor wie der König der Welt. Es folgten zahlreiche Versuche, in London, Europas härtestem Markt, Arbeit zu finden. Die Absagen waren freundlich, aber bestimmt.
Die Realität hatte mich zurück. Ich ging nach Hamburg zurück und machte eine Ausbildung zum Animationsdesigner. Durch die Kontakte der Schule zu Hamburger Filmproduktionen gelangte ich schließlich an meine ersten Aufträge.

Ich bin zu allererst Illustrator und an zweiter Stelle Künstler. Ich setze gern die Ideen von Kunden um und durch meine Vielseitigkeit werde ich ständig mit neuen inhaltlichen und technischen Herausforderungen konfrontiert. Zeit für eigene Arbeit habe ich nur wenig, daher muß ich sie mir nehmen.

Welche Techniken nutzt Du?

Für meine Kunden arbeite ich ausschließlich digital. Das heißt, es gibt keine Skizze, die gescannt werden, kein gemaltes Bild, dasfotografiert werden muß, keine Farbe, die erst noch trocknen oder nach dem Scannen an das Original angepaßt werden muß und vor allem kein Material, das mir ausgeht, eintrocknet oder überhaupt erst angeschafft werden muß, weil ich es zuvor noch nie verwendet hatte.
Einerseits verliert meine Arbeit dadurch an Romantik, denn es riecht nicht nach Terpentin, meine Finger sind nicht dreckig, meine Kleidung nicht mit Farbtupfern übersät und der Platz zum Lagern der Bilder geht mir auch nicht aus. Und andererseitsist Illustration im wirklichen Leben ein Beruf, für den Romantik ein Luxus ist.
Der Vorteil der digitalen Arbeitist die Flexibilität. Ich habe alles zur Hand, was ich brauche. Ich kann mit Kohle zeichnen oder mit Öl malen, mit Farbe oder Grautönen, groß oder klein – es ist alles digital vorhanden, aufrufbar und ohne Vorbereitung umsetzbar. Aufbesondere Kundenwünsche kann ich schneller eingehenund sie erfordern nicht mehr, daß ein Bild noch einmal neu gemalt werden muß.
Meine Techniken variieren je nachdem, was der Kunde braucht, was ich kann und was meiner Meinung nach am besten zum Bild paßt. Der Kundenwunsch und die Zeit bis zur Abgabe sind die Faktoren, die mir die Entscheidung über den Grad der Ausarbeitung abnehmen. Bei all dem Pragmatismus versuche ich trotzdem immer so viel wie möglich von mir selbst in die Arbeit einfließen zu lassen, um mir die Freude an den Auftragsarbeiten zu bewahren.

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Storyboard fuer 1&1

Für meine private Arbeit kann es dagegen gar nicht genug Romantik geben. Seit etwa zehn Jahren fahre ich 1-2 mal im Jahr mit befreundeten Illustratoren zum Zeichnen an sonnige Orte, wo wir eine Woche lang den ganzen Tag durch Stadt und Land ziehen und die Welt zeichnen. Jetzt gerade organisiere ich einen besonderen Art Retreat mit europäischen Kollegen nach Venedig. Wir kennen uns alle nicht, wir wissen voneinander nur, daß wir uns gern zum Zeichnen raussetzen. Das wird spannend werden, aber diese Retreats sind immer voller positiver Dynamik und trotz der Konzentration auf das Zeichnen eine unglaubliche Quelle der Erholung.
Weil ich gern mit unterschiedlichen Stilen arbeite, betrachte ich vor Beginn der Zeichnung eine Weile die Szenerie. Für welchen Stil und welches Werkzeug ich mich dann entscheide, hängt davon ab, worauf ich Lust habe, wie viel Zeit ich habe und was mir das Motiv ins Ohr flüstert.

In meinen Skizzenbüchern experimentiere ich auch gerne. So bin ich nach einigen Tests ein großer Freund der Federzeichnung geworden, weil ihr Strich vielseitiger und unberechenbarer sein kann als bei jedem anderen Zeichenwerkzeug. Neu ist für mich das gehöhte Zeichnen auf getöntem Papier. Das weiß am Ende zur Zeichnung hinzuzufügen ist ungefähr so befriedigend wie die Klebestreifen von den Rändern eines fertigen Bildes abzuziehen und den sauberen, weißen Rand zu sehen.

Dort, auf diesen Reisen, darf ich Künstler sein. Meine Kunst ist eine Suche. Ich suche nach neuen Stilen und Techniken, nach neuer Art der Darstellung, Wahrnehmung und Umsetzung. Diese Suche ist eine fantastische Reise, auf der ich immer wieder fündig werde, mich inspirieren lasse, Neues entdecke und die Entdeckungen mit auf meine Reise nehme. Ich weiß nicht, wohin sie mich führen wird, aber allein der Weg ist ein Genuß.
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Skizze von JP, zusehen seine Frau Amiena

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Skizze von Athen, entstanden auf einer der Zeichenreisen

Wir wollen Dir bei einem Auftrag über die Schulter schauen!

Egal wie unterschiedlich, professionell oder unbedarft die Kunden sind, im Prinzip sind sie doch alle gleich. Über die Jahre habe ich gelernt, schnell zu erkennen, was der Kunde haben möchte.
Nach Freigabe derKosten, zeichne ich zuerst die Skizzen. Das geschieht alles mit Photoshop. Ich zeichne direkt auf einem großen Monitortablett und verwende eine Vielzahl verschiedener digitaler Stiftspitzen. Die Skizzen bereite ich mit einem großen grauen Pinsel vor, mit dem ich zuerst die Komposition erarbeite. Danach füge ich ein paar Details hinzu, genug, um dem Kunden zu zeigen, was ich machen will, aber nicht zu viel, falls etwas verworfen wird, denn dann wäre all die Detailarbeit verschwendete Mühe gewesen. Der Kunde erhält die Skizzen per Email. Hat er Änderungswünsche, ist das der ideale Zeitpunkt, um sie ihm wieder auszureden, sie gut zu finden oder notgedrungen zu akzeptieren. Ich arbeite die Änderungen dann meist direkt ins fertige Bild ein. Je nach Auftrag benötige ich für das fertige Bild dann ein paar Tage oder nur 15 Minuten.

In der Regel arbeite ich an mehreren Aufträgen gleichzeitig, sofern es die Abgabetermine ermöglichen. Aber Illustration ist mehr als nur das reine Illustrieren. Ich kommuniziere mit Kunden, schreibe Angebote und Rechnungen, kalkuliere Nutzungsrechte, verhandele Vertraege, erhalte Briefings, betreibe Recherche und mache meine Buchhaltung. Die Aufgaben sind vielseitig und die Arbeit hält immer etwas Neues bereit.

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Lissi und der wilde Kaiser, Production Painting

Zwei Künstler Deiner Wahl mit Dir am Tisch?

Die Runde auf zwei Künstler zu beschränken ist nicht leicht, deswegen versuche ich es gar nicht erst.
John Singer Sargent bewundere ich für seine souveräne und leichte Pinselführung. Ich würde ihm einfach nur gern beim Malen zusehen wollen und sollte ihm danach sein, okay, dann plaudere ich auch gern mit ihm. Mein Lehrer an der Kunstschule in England hat sich gern zu den Studenten gesetzt und ihnen gezeigt, wie sie ihre technischen Probleme lösen können. Beim Zusehen kann man so viel lernen, daß ich die Praxis selber für meinen Unterricht übernommen habe.
Die Arbeit von Bill Watterson, dem Zeichner von Calvin & Hobbes, hat mich schon immer wegen ihrer inhaltlichen Spannbreite beeindruckt. Er springt von Blödeleien zum Alltäglichen, von Fantasien zu Philosophie und seine Figuren tragen jedes Thema mit Leichtigkeit und bewegen sich dabei in wundervoll gezeichneten Bildern. Von ihm würde ich gern wissen, wie er seine Ideen gefunden hat. Und über die Schulter würde ich ihm auch gern sehen.
Das Werk von Picasso hat mich lange Zeit nicht so recht berührt, bis ich gesehen habe, was für eine unglaubliche Entwicklung er während seiner Schaffenszeit genommen hat. Das ständige Weiterentwickeln und die nie befriedigte Neugier nach Neuem fasziniert mich. Ihm würde ich auch ein Bierchen ausgeben und genau darüber sprechen wollen. Dabei würde ich ihm zusehen, wie er eine Zeichnung auf die Serviette wirft und sie ihm danach abschwatzen.
Von Alfons Mucha würde ich gern erfahren, wie er sich seinen Stil erarbeitet hat. Jugendstil ist so herrlich verspielt und romantisch, ich frage mich, ob er selber solche Eigenschaften hatte. Ach, und – das mag jetzt überraschen – aber bei der Arbeit würde ich ihm auch zusehen wollen.
An den Tisch würde ich gern noch Impressionisten einladen, die Designer der ersten Star Wars Filme, die Nine Old Men aus den ersten Disney Jahren, und den Gründer und Direktor des Bauhauses, Walter Gropius.
Gropius ist mein Urgroßonkel. Leider habe ich ihn nicht kennen lernen können und trotzdem habe ich immer das Gefühl gehabt, eine besondere Bindung zu ihm zu haben. Er ist Familie, die Themen wären unerschöpflich, privat wie beruflich. Ich glaube, er ist die einzige Person, die ich bewundere – für seine Inspiration, seine Vision, seine Ideen, seine Überzeugung, seine Durchsetzungskraft und seine Lebensfreude.
1964 schrieb er in einem beeindruckenden Brief an seine Studenten, wie sie sich ihrer Arbeit gegenüber verhalten sollten.
„For whatever profession, your inner devotion to the tasks you have set yourselves, must be so deep that you can never be deflected from your aim. However often the thread may be be torn out of your hands, you must develop enough patience to wind it up again and again. Act as if you were going to live forever and cast you plans way ahead. By this I mean that you must feel responsible without time limitation, and the consideration whether you may or may not be around to see the results should never enter your thoughts. If your contribution has been vital, there will always be somebody to pick up where you left off, and that will be your claim to immortality.“

Neugierig geworden? Hier geht es zu JP’s Website:http://www.schwarzmalerei.com/

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