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Erzählen Sie uns über das Atelier Lahr?

„Das Atelier“ wurde 2004 von einem Klienten und einem Therapeuten der Sozialpsychiatrischen Beratungsstelle Lahr gegründet. Die Idee dazu wurde aus der Erfahrung geboren, dass viele Menschen in psychischen Krisen auf  künstlerische Medien zurück greifen. Damit dies nicht nur zu Hause im stillen Kämmerlein stattfinden muss, wurde ein Projekt geschaffen, das den Teilnehmenden die Möglichkeit bietet, ihre  individuellen schöpferischen Potentiale in der Gruppe zur Entfaltung kommen zu lassen. Wir haben uns dafür entschieden, dass dies nicht in einem kunsttherapeutischen Setting geschieht, sondern im Rahmen eines offenen Ateliers, in dem sich die Kunstschaffenden selbst organisieren. Von Beginn an übernahmen die Teilnehmenden selbst die Verantwortung für das Projekt. Dieses beinhaltet nicht nur Raum für freies künstlerisches Arbeiten zu schaffen, sondern auch Möglichkeiten zu entwickeln, die Kunstwerke in Ausstellungen zu präsentieren und zu vermarkten (verkaufen und vermieten).
Das Atelier ist aber mehr als nur eine Künstlerwerkstatt, in der jeder vor sich hin arbeitet. Es ist gleichsam ein Treffpunkt und ein Struktur gebender Ort, an dem man sich austauschen oder auch ganz locker beim Kaffee trinken miteinander ins Gespräch kommen kann. Künstlerisches Schaffen steht somit gleichwertig neben der Pflege von Kontakten und Beziehungen. Durch die Begegnung mit anderen können neue Erfahrungen gemacht werden, verlorenes (Selbst-)Vertrauen wieder erlangt werden. Insofern hat das Projekt, ohne als Therapie definiert zu sein, doch therapeutische Wirkung.
Unterstützt wird das Atelier durch die Beratungsstelle, die kostenlos Räumlichkeiten zur Verfügung stellt und vom Förderverein „die Brücke Lahr e.V.“, welche die Kosten für Material und Öffentlichkeitsarbeit übernimmt. Dadurch ist das Angebot für die Nutzer_innen  kostenfrei.

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Wie wichtig ist die Kunst und Entfaltung schöpferischer Potenziale für Menschen und wieso tut es Menschen gut Ihren Lebenswelten Ausdruck zu verleihen?

Für die meisten Nutzer_innen des Ateliers ist das künstlerische Schaffen ein wichtiger Teil ihres Alltags uns ihres Lebens insgesamt geworden.
Im Folgenden einige Aussagen/Statements von Künstler_innen des Ateliers:

„Kunst ist für mich kein Luxus, sondern eine Notwendigkeit zur Wiederherstellung meiner seelischen Gesundheit. Kunst ist für mich der Gegenpol zu Müssen und Zwang. Ich liebe es, mit meinen Händen frei zu gestalten und zu formen. Diese freien, unkonventionellen in sich ruhenden Werke stehen im Kontrast zu meinen früheren rationalen, rechteckigen Berufsarbeiten.“

„Den Zugang zur Kunst bekam ich über die Natur. Kunst bedeutet für mich, Freiräume für meine Seele zu schaffen.“

„Künstlerisches Schaffen ist für mich etwas ganz spanendes: Wenn ich beim Malen zuschaue, wie eine neu definierte Fläche im Bild die ganze Situation verändert, neue Formen umreißt, andere Zusammenhänge erscheinen lässt, dann ist das einfach spannend.“

„Anstoß für mein künstlerisches Schaffen war und ist, überleben zu wollen. Was in der Welt und mit mir passiert, wird in meinen Bildern erzählt.“

„Malerei bedeutet für mich auf dem Weg zu sein – zum spirituellen, universellen Leben.“

„Beim Malen bin ich ganz in der Gegenwart.“

„Für mich ist Malen Therapie. Man kann dabei seine Gedanken zurück fahren und besser auf seine Gefühle achten.“

„Das kreative Arbeiten ist für mich wie eine heilige Handlung, eine befreite Form von Liebe. Meine Skulpturen sind Seelengeburten, die ich zur Welt bringe.“

Ich finde meine Formen aus großzügig angelegten Strukturen. Dem Drang nach Freiheit und Ungezügeltheit steht ein Bedürfnis nach Harmonie und Ausgeglichenheit entgegen.“

Wie steht es um die Künstler des Ateliers? Ist Kunst für Sie Zweck zur Selbsthilfe, oder machen Sie Kunst der Kunst zu liebe?

Aus den vorhergehenden Zitaten kann heraus gelesen werden, dass für die meisten Künstler_innen kreatives Schaffen etwas existentielles bedeutet. Vermutlich schließen sich dabei  der Zweck zur Selbsthilfe und das Schaffen von Kunst der Kunst zuliebe gar nicht aus, sondern ergänzen sich.

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Welche Techniken und Medien nutzen die Künstler Ihres Ateliers am Liebsten?

Am häufigsten wird auf Leinwand und Papier mit Acryl gemalt, vereinzelt auch mit Öl. Neben der Malerei ist das Skulpturieren mit Ton und Holz, bei einem Künstler auch mit Metall, beliebt. Einige sprühen, ein Teilnehmer schreibt. Wichtig ist, dass jede/r frei im Gestalten ist, experimentieren darf und nicht bewertet wird.

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Das Atelier hat an einer Reihe Ausstellungen teilgenommen und leistet hervorragende Öffentlichkeitsarbeit, wie sieht die Zukunft für das Atelier Lahr aus?

Was die Perspektive des Projekts betrifft, ist uns wichtig, dass das bisherige Angebot für die Teilnehmenden weiterhin kostenlos erhalten werden kann. Einmal im Jahr sollte eine Ausstellung zustande kommen, was wir bisher auch immer geschafft haben. Interessant waren auch immer Kooperationsprojekte mit anderen Gruppen. Dafür möchten wir auch weiterhin offen bleiben und dadurch wieder neue Horizonte erreichen.

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Weitere Informationen zum Atelier Lahr und seinen Künstlern: www.dasatelier-lahr.de

2 Gedanken zu „Atelier Lahr im Fokus

  1. Liebe Frau Muriel Resnik,
    haben sie vielen Dank für das sensible Porträt der Künstlergruppe „Das Atelier Lahr“. Toll gemacht!
    Ich freue mich sehr darüber über diesen Weg das Projekt zu beleuchten und zu erforschen. Manchmal sind die Blickwinkel, die man hat ja begrenzt.
    Herzlichen Dank
    Armin Andreas Pangerl

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