Stephanie Guse im Interview mit Singulart

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Können Sie sich und Ihre künstlerische Arbeit kurz vorstellen?

Ich habe Grafikdesign studiert und dabei gemerkt, dass es mir ein Bedürfnis ist, über Design hinaus auch selbst Stellung zu Themen zu beziehen. Deshalb habe ich angefangen Freie Kunst zu studieren und gehe seitdem mittels Fotografie und Objektkunst die Sujets Werbung, Schönheitsideale, Statussymbole und Konsum an.

Wichtig ist mir dabei, dass die verwendeten Materialien zwar der Konsumwelt entspringen, aber Abfallprodukte sind: also Verpackungen, Folien, Plastikspielzeug, Tüten, Pralinenschachteln oder Gemüsenetze. Zu diesem Zweck habe ich ein Trash-Archiv angelegt, aus dem ich für meine Inszenierungen schöpfe. So wird das Wertlose zur Kunst und damit wiederum zum Luxusgut. Mir gefällt dabei, dass die Abfälle eine Wertschätzung erfahren. Das erscheint mir gerecht. Gleichzeitig erinnert es auch daran, wie viel von diesen Abfällen wir (leider) produzieren …

 

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„Werbemädel No 7”
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„My Coccinelle”

 

Sie haben in Philosophie promoviert – in wie fern beeinflusst das Philosophiestudium Ihr künstlerisches Schaffen?

Promoviert habe ich über Social Design, das den Anspruch hat, der Gesellschaft zu dienen und sie teilhaben zu lassen. Ich habe mich gefragt, wie das konkret funktionieren kann und deshalb eine künstlerische Methode, Thinking Hands, entwickelt mit der Spezialwissen aus Forschung und Wissenschaft mittels gemeinsamer Zeichnungen von Forschern, verbildlicht wird. Das ist nützlich, um die Gesellschaft allgemeinverständlich zu informieren und sie darüber hinaus auch teilhaben zu lassen. Bei diesem Prozess kann jeder, ebenfalls durch Zeichnung, beitragen. Dadurch entsteht Austausch und Feedback über Disziplinen hinweg und das ist etwas, was wir in Anbetracht der komplexen Fragen unserer Zeit benötigen.

Entstanden ist Thinking Hands, weil ich schon seit vielen Jahren mit KünstlerkollegInnen regelmäßig kollaborativ zeichne und diese Methode auch mit Nichtkünstlern erprobt habe. Von daher hat eher meine Kunst die philosophische Arbeit beeinflusst und nicht umgekehrt.

 

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Kollaboratives Zeichnen mit KünstlerkollegInnen

 

In Ihren Arbeiten hinterfragen Sie Sehgewohnheiten. Wie genau spielen Sie künstlerisch damit, gibt es wiederkehrende Motive und wie gehen Sie bei neuen Arbeiten vor?

Meine Motive entspringen der Konsum – und Luxuswelt. Es sind die Dinge und Bilder, deren Attraktivität man sich nur schwer entziehen kann, obwohl klar ist, dass sie nicht lebensnotwendig sind, wie z. B. Juwelen, Designerhandtaschen, Schönheit, künstlerische Meisterwerke, Kronleuchter oder Trophäen. Dem Zwiespalt zwischen solchen Wünschen und der Maßlosigkeit versuche ich zu begegnen, indem ich Preziosen im Alltäglichen und leicht Verfügbaren entdecke, eben im Konsumabfall. Durch meine Art des Sehens abstrahiere ich Formen und Flächen, und durch Biegen, Drehen, Kleben oder Zerknüllen werden sie zu etwas Neuem, z. B. einer historische Krone. Das unterstütze ich durch die entsprechende Inszenierung mit Umgebung und Licht, halte es fotografisch fest und bearbeite es digital.

 

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„Boutique”

 

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„Shopping Crown”

 

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„Venezia”

 

Sehen Sie Ihre Sehschwäche als Hindernis in Ihrer künstlerischen Arbeit oder als Alleinstellungsmerkmal?

Es ist sicherlich kein Hindernis, denn zum Glück kann man der Optik ja nachhelfen und dem normalen Sehen sehr nahekommen. Mir gefällt aber, dass ich zwischen zwei Sehgewohnheiten switchen kann.

 

Sie machen auch Auftragsarbeiten und inszenieren Kunden in den Rollen historischer Kunstwerke. Welches Kunstwerk würden Sie für Ihr eigenes Portrait auswählen?

Mich selbst habe ich bereits vielfach inszeniert.

Als ich nach Wien zog, habe ich mich spontan für Kaiserin Sissi begeistert, was mir deshalb gefiel, weil es eine von der Realität sehr weit entfernte Rolle ist, und weil mich ihre würdevolle Haltung beeindruckt. Das wollte ich nachfühlen.

Für eine Ausstellung in der Kunsthalle Bremen (2007) habe ich mich als die Malerin Paula Modersohn-Becker inszeniert. Das fühlte sich ganz anders an und war einfacher, denn in die Künstlerinnenrolle ist mir natürlich sehr nah.

 

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Gemälde von Paula Modersohn-Becker „Selbstportrait zum 6. Hochzeitstag”, 1905/06

 

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„Paula’s Collection”, Selbstportrait der Künstlerin, 2007

Welche Künstler beeindrucken und beeinflussen Sie? 

Ich interessiere mich besonders für Künstler anderer Disziplinen, z. B. MusikerInnen, SchauspielerInnen oder LiteratInnen, denn sie stellen mit anderen Mitteln eine Atmosphäre her, und das inspiriert mich. Lieblingskünstler von mir sind unter Anderem Falco, David Bowie, Gary Oldman oder Peter Licht.

 

Erzählen Sie uns etwas zu Ihrer fotografischen Arbeit? Welches der beiden Medien finden Sie herausfordernder und welches bevorzugen Sie persönlich – Zeichnung oder Fotografie?

Ich benutze beides gern, je nach Stimmung und Anlass. Grundsätzlich ist mir abgesehen von der Technik aber der soziale Aspekt der wichtigste, also das, was durch die Menschen, mit denen ich zeichne oder die ich fotografiere, entsteht. Was ich von KollegInnen, KunstsammlerInnen, WissenschaftlerInnen, Familie oder FreundInnen erfahre und lerne, sind die Elemente aus denen ich mir ein Weltbild zusammensetze. Sozusagen eine Weltcollage, die ich dann als Künstlerin versuche sichtbar zu machen.

 

 

 

Das Profil der Künstlerin auf Singulart: https://www.singulart.com/de/k%C3%BCnstler/stephanie-guse-1089

Die Webseite von Stephanie Guse: http://stephanieguse.com/

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