Interviews

Die Malerin Anna Bieler über Menschenbilder und die Kraft von Farben

Können Sie sich uns kurz vorstellen?

Ich bin Anna Bieler (geb.1968), habe während des Kunststudiums die Malerei als meinen Weg gefunden und lebe mit meiner Familie überwiegend in Wiesbaden – manchmal auch in Südportugal.

Wie kamen Sie zur Kunst?

Kunst habe ich immer gemacht, als Kind habe ich vor allen Dingen mit dem Bleistift gezeichnet und gemalt. Ich wusste sehr früh, dass ich Kunst studieren und diesen Beruf ausüben würde. Allerdings komme ich auch aus einem Elternhaus, in dem Kunst und Musik praktiziert wurde, sodass ich darin immer Unterstützung fand.

Welche Ideen vertreten Sie in Ihrer Arbeit?

Das Hauptanliegen in meiner Arbeit ist – neben der großen Freude daran – Menschenbilder für Menschen zu erschaffen, die überwiegend kraftvoll und positiv sind. Ich habe kein Interesse daran, das Zerstörerische, das wir überall sehen und das ständig in Bildern und Tönen reproduziert wird, auch in meiner Kunst zu zeigen. Trotzdem entziehe ich mich dem nicht ganz. Es schimmert in den subtilen zwischenmenschlichen Beziehungen und in der menschlichen Selbstwahrnehmung durch, die ich in meinen Bildern zeige.
Mich interessiert auch die Frage nach unserem Ursprung, nach der Kraft, die uns erschafft und am Leben erhält.
Die Farbe spielt dabei eine sehr wichtige Rolle. Sie bewirkt nicht nur Energie, sie ist Energie. Die von mir umgesetzte abstrahierte Figürlichkeit ermöglicht es den Betrachtern und Betrachterinnen sowohl Identifikationsfiguren zu finden, als auch der eigenen Vorstellungskraft Raum zu lassen.

Der dumme Mensch
Der dumme Mensch, 2016, Ölgemälde, 90×90 cm

In Ihrer Kindheit sind Sie viel gereist und leben auch heute zwischen Deutschland und Portugal – wie beeinflusst dies Ihre künstlerische Vision und Arbeit?

Mein Menschenbild ist mit Sicherheit davon geprägt. Ich habe mich nie nur an einem Ort Zuhause gefühlt, ich war selber immer wieder Fremde. So sehe ich den Menschen losgelöst von so etwas wie „Heimat“ – es geht mir sozusagen um den Menschen an sich. Das kann man in meinen Bildern sehen. Genauso wie die Farbigkeit wahrscheinlich von den südlichen Ländern, in denen ich gelebt habe, geprägt ist.

Wie haben sich Ihre künstlerischen Arbeiten und Ihr Stil über die Jahre entwickelt hin zu dem, wie sie jetzt sind?

Wie schon erwähnt, habe ich zunächst gezeichnet, allerdings sehr malerisch, würde ich sagen, wenn ich mir jetzt Bilder aus meiner Jugendzeit ansehe. Erst an der Universität fing ich richtig an mit Farbe zu malen – und dabei bin ich geblieben. Zunächst experimentierte ich abstrakt mit der Farbe, entwickelte aber bald einen eigenen Stil, der im Lauf der Zeit gereift ist. So waren in meiner Malerei anfangs sehr viel mehr plakative Elemente – und bis heute setze ich gerne Flächiges neben Strukturiertes. Im Detail bin ich immer subtiler geworden. Die Farben sind nicht mehr immer so rein, aber Blau, Rot und Gelb (unter viel Verwendung von Weiß) dominieren nach wie vor in meiner Malerei. Die den Bildern innewohnende Kraft entstand so früher eher durch fast abstrakte Farbformen, heute durch eine differenziertere Farbigkeit.

Wie gehen Sie bei neuen künstlerischen Projekten vor?

Ein „künstlerisches Projekt“ bedeutet in meinem Fall „ein neues Bild“. Ich arbeite mich von Bild zu Bild. Dabei greife ich öfters ähnliche Motive noch einmal auf. In mir entstehen neue Bildmotive und Ideen (oft beim Schwimmen) und lassen mich erst wieder los, wenn ich sie umgesetzt habe.
Manchmal arbeite ich auch für Ausstellungen zu vorgegebenen Themen, mit denen ich mich dann auseinandersetze oder ich erfülle den Wunsch eines Kunden/einer Kundin in Form einer Auftragsarbeit. So erhalte ich ab und zu konkrete Impulse von Anderen, was ich durchaus als bereichernd empfinde.
Ich baue, bespanne und grundiere übrigens meine Leinwände selber – das gehört für mich zum Arbeitsprozess dazu.

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Das Kreisen der Dinge, 2017, Ölgemälde, 100×180 cm

Welche Künstler bewundern Sie?

Es gibt Kunst, die mich tief im Innern berührt (das ist die Kunst, die ich liebe und die für mich auch als Vorbild dienen kann). Und es gibt Kunst, die ich aus anderen Gründen gut finde. Z.B. wegen der Idee, die dahinter steckt oder weil sie hervorragend umgesetzt ist.
Für beides kenne ich viele Beispiele aus ganz unterschiedlichen Zeitepochen. Einige wenige kann ich hier benennen:

Fra Angelico, z.B., der im 14. Jahrhundert gelebt hat, liebe ich wie andere seiner Zeit nicht nur wegen der unglaublich schönen Farbigkeit, sondern auch wegen der spirituellen Inhalte seiner Bilder. Hyronimus Bosch, der nur wenig später gelebt hat, verehre ich wegen seiner wundervollen Malerei genauso wie auch wegen der kritischen, hintergründigen und fantastischen Inhalte seiner Bilder.
Giovanni Battista Tiepolo (aus dem 18.Jahrhundert) schätze ich wegen des Lichts und der Leichtigkeit in seiner Malerei.
Und viele Künstler der Renaissance, alleine schon wegen des wundervollen Menschenbildes dieser Zeit (z.B. Michelangelo, der mit unglaublichem Mut und großer innerer Freiheit und Leidenschaft seine Vorstellungen umgesetzt und ergreifende Kunst geschaffen hat).
Francisco de Goya muss ich nennen, der die Grauen des Krieges genial umgesetzt hat – aber auch das Menschliche im Menschen zeigt wie kaum ein anderer.
In der klassischen Moderne gibt es natürlich auch einige Künstler, die ich sehr schätze.
Ich könnte viele benennen, komme jetzt aber zur Gegenwart und endlich auch zu Frauen:

Die Schweizer Künstlerin Miriam Cahn z.B. denkt und arbeitet sehr politisch und beschäftigt sich auch viel mit dem Thema Gewalt. Die künstlerische Umsetzung davon beeindruckt mich sehr.
Und Marina Abramović möchte ich unbedingt erwähnen, deren Performances von solcher Unausweichlichkeit sind. Sie geht an ihre Substanz und somit auch an unsere. Einfach großartig!

Meine schöne Kugel, skaliert

Meine schöne Kugel, Ölgemälde, 110×140 cm

Anna Bieler auf Singulart:https://www.singulart.com/de/k%C3%BCnstler/anna-bieler-891

Die Webseite der Künstlerin:http://annabieler.de/en/welcome/

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