Sylvia Vandermeer im Interview über den geheimnisvollen Moment des Zufalls, ihren Weg zur Kunst und ihre Herangehensweise an ein neues Werk

Portrait

Portrait

Wie kamen Sie zur Kunst?

Über dem Wohnzimmersofa meiner Großeltern hing eine Reproduktion der „Lebensstufen“ von Caspar David Friedrich. Als Kind ging ich oft mit den Augen in diesem Gemälde spazieren und folgte den Booten in die unbekannte Ferne. Das war meine Form von reisen. Später reiste ich selbst und wandte mich den Wissenschaften zu, bis ich mich 2007 in Wien habilitierte. Dort entdeckte ich auch meine Leidenschaft für die Malerei und absolvierte eine Ausbildung unter der Leitung von Prof. Ernst Fuchs, die es mir ermöglichte eigene imaginäre Räume zu schaffen und andere auf die Reise an fantastische Orte mitzunehmen.

 

Woman with laundry

Women with laundry, 2016, Öl Tempera auf Leinwand, 190×130 cm

Wie würden Sie Ihre Kunst beschreiben?

Meine Bilder halten einen Moment fest, der gerade noch im Jetzt ist. Einen Moment, der aus dem Alltäglichen herausgelöst zu sein scheint, gleichzeitig aber ein Fenster in eine geheimnisvolle fremde Welt öffnet. Die Zeit vergeht in meinen Bildern in einem anderen Tempo als im wirklichen Leben. Das wird auch dadurch verstärkt, dass die Farbpigmente in verschiedenen Medien gebunden sind und in unterschiedlicher Tiefenatmosphäre erscheinen. Meine großformatigen Gemälde wirken daher vertraut und zugleich ungewiss, wie verdichtete Traum- oder Filmsequenzen.

Welche Techniken benutzen Sie?

Ich verwende reine Pigmente in Pulverform, die ich mit Ei, Dammarfirnis, Leinöl oder Venezianer Terpentin, das aus Lärchen gewonnen wird, binde. Das ermöglicht es mir mit verschiedenen Lasurtechniken zu arbeiten, die aus der Zeit der Renaissance stammen und mit denen ich mich bei Studienaufenthalten in Venedig, Florenz und Rom beschäftigt habe. Durch diese ungewöhnliche Materialität erhalten die Bilder eine optische Wirkung, die sie erscheinen lassen, als würden sie aus sich selbst heraus leuchten.

 

Woman is ironing on the beach

Woman is ironing on the beach, 2018, Öl Tempera auf Leinwand, 130×130 cm

Wie gehen Sie vor, wenn Sie an einem neuen Werk arbeiten?

Meine Bildideen gehen oft auf Bruchstücke aus Gegenwart und jüngster Vergangenheit zurück wie Beobachtungen, die ich in meiner Umgebung oder auf Reisen gemacht habe, aber auch auf Fotos, Zeitungsausschnitte und Filme, die mich inspirieren. Um ein so gefundenes Thema zu durchdringen setze ich mich mit Gleichnissen aus der Bibel, wissenschaftlichen Abhandlungen oder zeitgenössischen und historischen Romanen auseinander. Mich interessieren dabei die Dinge, die über das zunächst Offensichtliche hinausgehen.

 

Still life with boats

Still life with boats, 2018, ÖL Tempera auf Leinwand, 130×130 cm

In welcher Weise sollte Kunst Teil der Gesellschaft sein?

Wir leben in einer Welt der Checklisten in der Wissen durch rationalistische Methoden und wissenschaftliche Erkenntnisse gewonnen wird. Erkenntnis beinhaltet aber darüber hinaus etwas Visionäres, das seinen Ursprung in der Eingebung hat. Diesen geheimnisvollen Moment des Zufalls, der keine berechenbare Größe ist, kann Kunst vermitteln und sinnlich spürbar werden lassen. Kunst kann uns herausheben aus dem Alltag und uns verzaubern.

 

Women with pigeons

Women with Pigeons, 2016, 200×145 cm

Sylvia Vandermeer auf Singulart: https://www.singulart.com/de/k%C3%BCnstler/sylvia-vandermeer-1338

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.