Im Gespräch mit Birgit Fechner

Fechner

Können Sie sich uns kurz vorstellen?

1982 zog ich der Liebe wegen von München ins damalige Westberlin – die pulsierende Mauerstadt, die so anders als meine saubere geordnete Heimatstadt war. Wild, teils häßlich, mit vielen Brachen und Freiräumen. Einzigartig in der damaligen Bundesrepublik.

Gemalt habe ich von klein auf, trotz der Ermahnungen meiner Eltern, dass Kunst sich nicht als Beruf eigne.
Nach Testläufen in anderen Berufen, fing ich Anfang der 90er Jahre hauptberuflich an als Malerin zu arbeiten.
Bis heute prägen mich diese starken visuellen Kontraste: Einerseits die Heimatlandschaft der bayerischen Berge, andererseits die rohe Wildheit und die Gegensätze der frühen Berliner Zeit. Zusammen mit meinem Mann, einem Bildhauer und Maler aus Holland und unserer damaligen Künstlergruppe machten wir Kunstaktionen in der norddeutschen Landschaft und auf Rügen, in Kirchen und alten Fabriken.
Später hatten wir in Kreuzberg für ein paar Jahre unsere eigene Galerie.
Der Galerieraum wurde danach als offenes Atelier meines Mannes genutzt, und gleichzeitig als Showroom meiner Arbeiten.

Fechner 1

„We have so much in common I“ 2011, Acryl auf Leinwand, 175×135 cm 

Wie hat sich Ihr Werk über die Jahre verändert hin zu dem, das es jetzt ist?

Anfangs war ich begeistert vom Expressionismus und noch relativ nah dran an der Figuration in kräftigen Farbkontrasten. Über die Jahre wurde meine Malerei dann immer abstrahierter und freier.
Abstrakte Landschaften und Blumenmotive finden sich ebenso wie dekorative Muster und populäre, ikonografische Motive und klischeehafte Darstellungen, die ich in meinen Bildern verarbeite.
Ich erzähle im weitesten Sinn Geschichten, die sich nicht direkt offenbaren und die der Betrachter für sich interpretieren kann. Es sind Geschichten, die nicht konkret zu Ende erzählt sind, durchlässig für Vergangenes und offen für das Kommende. Oftmals verbinde ich Bewegung und emotionalen Gestus im Pinselstrich mit ausgearbeiteten Blumenmotiven und transparenten Farblasuren. Kontraste und Brüche sind dabei wichtig, Rohes, Unfertiges wird einer feinen Struktur gegenübergesetzt. Intensität und Unwägbarkeit im Leben wie auf der Leinwand.

 

We have so much in common III

„Wie have so much in common III“ 2014, Acryl auf Leinwand, 175×135 cm

Ihre Malerei ist inspiriert von Musik und Poesie und Ihre Werke tragen Titel aus Liedern oder Gedichten. Welches Lied oder Gedicht hat Sie am meisten berührt?

Musik geht direkt ins Gefühl, ohne Umweg in die Seele und den Körper, wie das keine andere Kunstform schafft.
Es gibt Momente, da brauche ich die jeweils richtige Musik zum Malen fast wie das Atmen
Und dann gibt es wieder Zeiten, in denen jeder Ton zu viel ist und nur die Stille den schöpferischen Moment hervorbringt. Das muss ich von Zeit zu Zeit neu austarieren.
Ich kann nicht sagen, dies oder jenes Lied ist es, das wechselt. Es gab Zeiten, da hörte ich viel Klassik beim Malen: Bach und Mozart, und ab und an Schubert. Und dann auch wieder stark rhythmische Musik aus Äthiopien, Mulatu ist einer meiner bevorzugten Musiker aus diesem Land. Aber viele Lieder von Bob Dylan, gesungen mit dieser speziellen Stimme in Kombination mit seinen Texten, die teils sehnsuchtsvoll, teils kryptisch und voller Bilder sind, sprechen fast zu jeder Zeit zu mir und inspirieren mich sehr.
Bei ihm sind Bilder und Orte in Sprache und Rhythmen gefasst, die sich nie ganz greifen lassen und die ich doch ganz tief in mir zu kennen scheine. Und das findet sich dann auch in meiner Arbeit wieder. Dieses Wiedererkennbare auf einer subjektiven Ebene finde ich ganz wunderbar. Ich forsche und suche danach in meiner Malerei.

Fechner 3

„From the far side of the ocean“ 2018, Acryl auf Leinwand, 100×100 cm

Warum ist Kunst für die Gesellschaft wichtig?

Kunst ist als erstes einmal zweckfrei, entsteht um ihrer selbst Willen und nicht weil ein funktionaler Gedanke für den Alltag zugrunde liegt. Kunst ist vielmehr oft ein Gegenentwurf zu der Bilderflut, die uns umgibt.
Sie schafft Verbundenheit und läßt Gemeinsamkeiten zwischen Menschen und Gruppen entstehen, die vordergründig keine Verbindung haben. Kunst ist eine universelle Sprache und sie lässt uns Dinge, die wir vorher vielleicht nicht gesehen oder wahrgenommen haben, neu entdecken.

Das wichtigste Element in der Kunst ist wahrscheinlich der Bruch, das Unerwartete und Irritierende. Wir sollten Unerwartetes mehr zulassen und erfahrbar machen. Kunst hilft uns, eigene Muster aufzubrechen und neue Freiräume zu schaffen. Das ist ein ständiger Prozess der Wandel, Kommunikation und Offenheit umfasst. Und damit ist vielleicht die elementare Funktion der Kunst für die Gesellschaft benannt.

 

Birgit Fechner auf Singulart: https://www.singulart.com/de/k%C3%BCnstler/birgit-fechner-921

 

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