Kunstgeschichte,  Kunstwerke unter der Lupe

„Les Demoiselles d’Avignon“ von Pablo Picasso

1907 schuf Picasso, der damals als junger spanischer Maler in Montmartre lebte, eines der berühmtesten Werke der modernen Kunst, das den Kubismus einläutete: „Les Demoiselles d’Avignon“. Das Ölgemälde von fünf leicht bekleideten und teilweise nackten weiblichen Gestalten stellt einen Wendepunkt in der westlichen Malerei dar und gilt als ein Schlüsselwerk der neueren Kunstgeschichte.

Zwischen Verwunderung und Unverständnis

1906 kehrte Picasso von Spanien nach Paris zurück, das Herumreisen hatte ihn ermüdet. Er hatte das Verlangen, sich zu erneuern, und sah eine Möglichkeit, mit allem zu brechen, was zuvor in der Malerei getan worden war. Er wollte nicht bloß mit der Tradition brechen, er wollte die Konvention zerstören. Die Theorien, was alles Picasso zum Schaffen dieses Werkes inspiriert haben soll, gingen stark auseinander. Dem Gemälde wurden Interpretationen wie „assyrisch“ und „ägyptisch“ zugeschrieben, während für andere die Einflüsse von den primitiven Künsten Iberiens und Afrikas sichtbar waren.

Tatsächlich verbrachte Picasso neun Monate mit mühseliger Kleinarbeit an diesem Bild und hinterließ die bis heute größte dokumentierte Sammlung an vorbereitenden Arbeiten zu einem einzigen Werk: 809 Vorstudien, Skizzen, großformatige Studienblätter und weitere Gemälde. Doch all die Mühe stieß zunächst auf taube Ohren und Unverständnis. Nur die engsten Freunde des Malers bekamen das Bild zu sehen, doch sie reagierten verwundert und teilweise geschockt, sie verstanden den Künstler nicht mehr. Picasso hatte es gewagt, Nacktheit zu präsentieren und, was noch schlimmer war, mit Formen und zu einer Komposition arrangiert, die keine der akademischen Regeln der Malerei respektierte. Und dazu noch diese Gesichter… Der mit Picasso befreundete Künstler Georges Braque meinte über ihn, „wie wenn jemand Petroleum getrunken hätte, um Feuer spucken zu können“.

Bis Picasso das Gemälde in einer Ausstellung 1916 erstmals der Öffentlichkeit zeigte, blieb es in seinem Atelier. Erst mehr als 30 Jahre nach seinem Entstehen entdeckten Kunstliebhaber das Werk, als das Museum of Modern Art in New York das Gemälde 1939 erwarb, wo es seither ausgestellt ist.

4 Details des Gemäldes

1. Abstraktion und Dekonstruktion der Körper

Picasso ließ kaum etwas aus, um den Betrachter zu verblüffen: das Fehlen von Schatten, verschiedene Perspektiven und eine Darstellung nackter menschlicher Formen, die damals einem Grenzgang in Fragen des Anstands gleichkam. Obendrein ist das Bild mit Maßen von 243,9 mal 233,7 cm riesig. Dem nicht genug, brachen die eckigen Formen mit jeder akademischen Regel zur Darstellung des Körpers. Vor einem Hintergrund von abstrahierten Vorhängen in Blautönen stehen diese weiblichen Körper vor dem Betrachter, mit einer Ausnahme.
Unten rechts sitzt eine Frau in einer anatomisch eher unmöglichen Pose und schaut uns an, dreht sich mit gespreizten Beinen um. Das von groben Zügen geprägte Gesicht fixiert den Betrachter und scheint uns fast anzustarren. Von allen Gesichtern ist dies das abstrakteste und schließlich das, was die ganze Komplexität der Formen und die Fehlausrichtung der Kurven in den Vordergrund stellt – etwas, das kurze Zeit später der rote Faden der kubistischen Bewegung sein würde.

2. Eckige und asymmetrische Gesichter

Der Mangel an Realismus setzt sich mit der Asymmetrie anderer Gesichter fort. Manche kommen der Realität näher als andere, doch sind sie alle von einer Rekonfiguration der Gesichtsmerkmale geprägt. Umrandete Augen sind nicht ausgerichtet, die Gesichter sind in der Vorderansicht dargestellt, doch die Nasen im Profil. Picasso war ein äußerst guter Zeichner und zeigte hier nicht einen Mangel an Fähigkeiten, sondern ganz im Gegenteil eine perfekte Beherrschung seines Themas. Er brachte damit die simpelsten Aspekte des Körpers zur Geltung, indem er die femininen, weichen Krümmungen der Formen bewusst wegließ. Die Merkmale bleiben grob und aggressiv, ohne jede Glättung.

3. Der Obstkorb

In dieser Umgebung, die durchaus ein Bordell sein könnte, sticht ein Detail heraus. Eingehüllt in weiße Stoffe, wird dem Obstkorb im Vordergrund von den Frauen keinerlei Beachtung geschenkt. Auf einem vertikalen Tisch platziert, der bereits den Ton für die Unwahrscheinlichkeit der Szene angibt, verrät uns der Korb nichts darüber, was passiert ist oder was passieren wird. Wassermelone, Weintrauben, Apfel und Birne verharren wie bestellt und nicht abgeholt.

Warum malte Picasso dieses Stillleben? Die hunderte von vorbereitenden Studien deuten darauf hin, dass die Frauen sich eigentlich mit Essen beschäftigen sollten, begleitet von zwei männlichen Figuren, einem Seemann und einem Medizinstudenten mit einem Schädel in den Händen. Für die letzte Version der Arbeit ließ Picasso all diese Details weg, um nur die atypische Frauengruppe hervorzuheben.

4. Hommage an die afrikanische Kunst

Die weibliche Figur in der oberen rechten Ecke ist ebenfalls von Bedeutung. Scheinbar gerade durch den Vorhang tretend, während die Figur vor ihr sitzt, zieht sie unweigerlich den Blick des Betrachters auf sich. Wie auch die Frau vor ihr trägt sie eine Maske, die einen Teil der afrikanischen Kultur darstellt, die Picasso faszinierte.

Er bewunderte afrikanische Skulpturen mit ihrer kraftvollen Symbolik und klaren Formen, von denen er mehrere erwarb, bevor er dieses Gemälde schuf. Der Künstler erkannte in der afrikanischen Kunst die ganze Schönheit und Ausdruckskraft einfach dargestellter Gesichter und brachte dies in seine eigene Malerei ein.

Die Ära des Kubismus

Trotz aller anfänglichen Kritik zeigt „Demoiselles d’Avignon“ einen neuen künstlerischen Ausdruck. Picasso öffnete den Weg zum Kubismus und revolutionierte die Darstellungen des Körpers in der Malerei. Es ging nicht mehr länger darum, der Realität von Formen und Perspektiven streng treu zu bleiben. Der Kritiker Louis Vauxcelles war derjenige, der 1909 den Begriff „Kubismus“ etablierte, als er über das Werk eines Weggefährten von Picasso ablehnend schrieb: „Braque löst alles, Orte, Personen, Häuser, in geometrische Figuren, in Kuben auf.“

Lampedusa von Carlos Blanco ARTERO im Fokus auf Singulart

Lampedusa, Carlos Blanco ARTERO, 2017, 200 x 600 cm

Hier geht es zu mehr kubistischen Kunstwerken:https://www.singulart.com/de/malerei/kubismus

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