Kunstgeschichte,  Kunstwerke unter der Lupe

„Nighthawks“ von Edward Hopper

Das Ölgemälde „Nighthawks“ von Edward Hopper aus dem Jahr 1942 ist das berühmtestes Werk des Künstlers und eines der herausragendsten Werke der US-amerikanischen Malerei. Das 84,1 mal 152,4 cm große Gemälde befindet sich heute zusammen mit weiteren Werken Hoppers im Art Institute of Chicago.

Nächtlicher Spaziergang

„Nighthawks“ (Nachtschwärmer, auch Nachteulen oder Nachtfalken im Englischen) ist zwar heute eines der bekanntesten Gemälde des 20. Jahrhunderts, doch der Maler war damals weit von Weltruhm entfernt. Der 1882 in New York geborene Hopper kämpfte hart darum, sein Werk bekannt zu machen. Er perfektionierte seine Technik, während er mehrere Reisen nach Europa machte, wobei er besonders Paris bewunderte, und verdiente sich seinen Lebensunterhalt als Illustrator. 1933 wurde er schließlich einem größeren Publikum bekannt, als seine Werke in einer Retrospektive an einem der wichtigsten Orte der Kunstwelt zu sehen waren, im Museum of Modern Art in New York.

In Öl auf Leinwand entstand „Nighthawks“ während des goldenen Zeitalters des Hollywood-Kinos. Das nächtliche Kunstlicht der Szene schafft eine ruhige, doch auch angespannte Atmosphäre, die nicht ganz sicher zu sein scheint. Zu sehen ist ein Diner (eine typisch amerikanische Kombination aus Restaurant und Bar) namens Phillies zu späterer Stunde, in dem vier Charaktere wie in einer Momentaufnahme zu sehen sind. Die Inspiration dafür holte sich Hopper von einem Lokal an einer Straßenkreuzung in der New Yorker Greenwich Avenue in Greenwich Village, wo er jahrelang lebte.

Ein weiterer Einfluss kam von Ernest Hemingways Kurzgeschichte „The Killers“ (1927), die unter anderem ein Diner im Licht der Straßenbeleuchtung beschreibt und 1946 verfilmt wurde. Eine andere Quelle der Inspiration war Van Goghs Gemälde „Caféterrasse am Abend“ von 1888, bei dem er das Nachtleben in Cafés darstellte, in denen die Zeit stillzustehen scheint. Der Kontrast zwischen Rot- und Grüntönen und das zarte Gelb der Beleuchtung von Van Goghs Gemälde finden sich auch in Hoppers „Nighthawks“.

4 Details des Gemäldes

1. Heimliche Liebhaber?

Von den vier Figuren des Gemäldes fallen zwei durch ihre vermeintliche Nähe auf. Der Mann und die Frau, die am Tresen nebeneinander sitzen, scheinen etwas gemeinsam zu haben. Für die Frau in einem roten Kleid stand niemand anderer als Hoppers Ehefrau Jo Modell. Ihre roten Haare passen perfekt zu den warmen Farbtönen der Bar und der umgebenden Architektur.

Mit gesenktem Blick hält sie in ihren Händen etwas, worüber Kunstkritiker sich uneinig sind, was es sein könnte. Etwas zu essen, ein Zündholzbriefchen oder vielleicht Eintrittskarten? Wenn es Geldscheine sind: könnte die Dame im Bild vielleicht eine Begleiterin für eine Nacht darstellen?

Ihre andere Hand berührt die des Mannes neben ihr. Dessen körperliche Merkmale erinnern an den Titel des Werks. Seine lange, gebogene Nase und die Krümmung seines Rückens lassen an eine Nachteule denken. Hopper verwendete üblicherweise einen Spiegel, um sich selbst für die männlichen Charaktere seiner Werke Modell zu sitzen. So kann es durchaus sein, dass der Betrachter dieses Gemäldes gewissermaßen Herrn und Frau Hopper vor sich hat.

2. Der mysteriöse Fremde

Der mit dem Rücken zum Betrachter sitzende Gast ist definitiv der geheimnisvollste Charakter des Gemäldes. Seine wahren Absichten sind nicht zu erkennen, während er das Glas in seiner Hand zu betrachten scheint. Worauf wartet er wohl, spätnachts allein am Tresen? Seine Position stellt ihn dem Paar gegenüber und gleichzeitig auch dem Betrachter.

3. Imposante Kaffeemaschinen

Hopper spielte mit Symmetrie, indem er zwei Kaffeemaschinen hinter dem Barkeeper positionierte. Diese beiden zylindrischen Vorrichtungen bilden das symmetrische Pendant zum Paar am Tresen. Zwei regungslose Maschinen, die an den fast inaktiven Zustand der rothaarigen Frau und des Mannes an ihrer Seite erinnern. Anstatt die Kaffeemaschinen verkleinert darzustellen, lenkte Hopper die Aufmerksamkeit auf ihre imposante Größe.

4. Die unauffällige Registrierkasse

Dass die Atmosphäre des Gemäldes leicht beklemmend wirkt, liegt auch daran, dass die Szenerie praktisch unberührt ist. Alles ist sehr sauber, glatt, nur die nötigsten Gegenstände sind zu sehen. Und diese Registrierkasse, sichtbar durch das Fenster im Geschäft auf der anderen Straßenseite… Sie ist das einzige Objekt, das auf dieser Straßenseite zu sehen ist, und lauert gewissermaßen im Schatten. Hopper mag sie als Symbol für Geld und besonders als Hinweis auf die US-Wirtschaft dort platziert haben.

Eine komplexe und mysteriöse Szene

Kann dieser Moment so wirklich existiert haben? Das Dekor ist wie von einer Theaterbühne und wirkt illusorisch. Die zwei dunklen architektonischen Begrenzungen, die die Szene im Diner umranden, lassen das Werk wie einen Film im Breitbildformat aussehen. Markante Hell-Dunkel-Kontraste ziehen den Blick des Betrachters auf sich. Hopper setzt uns direkt in die Intimität der Bar und die Stille der Straße, wir finden uns augenblicklich an zwei Orten wieder, drinnen und im Freien. Und doch sind diese Figuren weit weg von uns. Sie wirken unerreichbar, gefangen in dieser Bar wie in einem riesigen Aquarium. Das Bild bietet keine Tür oder Zutrittsmöglichkeit zu ihnen an. Auch der Barkeeper hinter seinem dreieckigen Tresen scheint eingeschlossen zu sein. Das Gemälde ist ein Paradoxon: Hopper lässt den Betrachter zwar sehen, doch gibt er ihm keine visuelle Möglichkeit, sich dieser Szene zu nähern.

Es ist eine offensichtliche malerische Leistung, wie es Hopper gelang, die Wände nach und nach zu verwischen und die Illusion zu erzeugen, dass sich auf der rechten Hälfte des Gemäldes kein Fenster befindet. Selbst in den kleinsten Details (Tassen, Salz- und Pfefferstreuer und jedes andere Objekt auf der Theke) verlieh er allem mit meisterlicher Fertigkeit eine Tiefendimension.

Um das Diner in Hoppers Gemälde entstand eine Art Mythos. Immer wieder wurde versucht herauszufinden, welches Lokal genau dem Maler als Vorbild diente, und amerikanische Blogger machten sich an der Greenwich Avenue auf die Suche. Sie fanden allerdings nichts, was dem Diner in „Nighthawks“ wirklich ähnlich sah. Nachdem Hopper jedoch selbst erklärt hatte, einen realen Schauplatz als Vorbild verwendet zu haben, bleibt das Mysterium also intakt.

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