Meisterwerke: „Der Tanz“ von Henri Matisse

 

„Der Tanz“ ist zu einem der berühmtesten seiner Werke geworden, doch standen Kunstkritiker dem Gemälde zuvor lange kritisch gegenüber.
Henri Matisse hatte anfangs nicht vor, Maler zu werden. Geboren 1869 im Norden Frankreichs, studierte er in Paris Rechtswissenschaften. 1889 lag er mit Blinddarmentzündung im Krankenhaus, als seine Mutter ihm eine Farbpalette mitbrachte. Die Folgen der Blinddarmoperationen fesselten ihn für ein Jahr ans Bett. Matisse begann zu malen und hörte bis zu seinem Lebensende nicht mehr damit auf. Immer auf der Suche nach Harmonie und Wahrheit schrieb er sogar einmal: „Wenn ich länger leben würde, könnte ich weiter malen…“

 

Die erste Fassung des Gemäldes, „Tanz I“, schuf Matisse 1909, sie ist im Museum of Modern Art in New York ausgestellt. Die zweite Fassung, „Tanz II“, entstand 1910 im Auftrag des Moskauer Kunstsammlers und Mäzens Sergei Schtschukin. Er bestellte auch noch ein weiteres Werk als Dekoration für sein Haus, wofür Matisse das Gemälde „Die Musik“ schuf. Zielsetzung war es, Aktion, Leidenschaft und Besinnlichkeit zu symbolisieren.

 

4 Details zum Gemälde

 

1. Unerwünschte Nacktheit

 

Als Sergei Schtschukin Matisse beauftragte, bat er ihn, bekleidete Tänzer zu malen. Der malte sie stattdessen nackt, was zu einem Skandal führte, als er einen Entwurf dazu im Salon d‘Automne in Paris präsentierte. Manche gingen so weit, dass sie dem Maler unterstellten, psychisch krank zu sein. Mit diesem Vorfall stellte Matisse die Unterstützung Schtschukins auf die Probe, doch die beiden kamen überein, dass zumindest keine Genitalien explizit dargestellt würden. „Werter Herr“, schrieb Schtschukin nach seiner Heimreise an Matisse, „ich finde Ihr Wandbild ‚La danse‘ von einer solchen Noblesse, daß ich, entgegen unserer bürgerlichen Gesinnung, ein Bild mit Akt in meinem Treppenhaus aufhängen werde.“

 

2. Matisse und der Tanz

 

 

Das 1910 geschaffene Werk ist ein vergrößerter Ausschnitt seines Gemäldes „Le bonheur de vivre“ („Die Lebensfreude“) von 1905. Darauf sind nackte Landbewohner an einem Strand im Süden Frankreichs zu sehen, wie sie den katalanischen Volkstanz Sardana vorführen. In beiden Bildern halten sich die Tänzer an der Hand und bewegen sich im Kreis. Im Werk von 1905 sind es sechs Figuren, im Gemälde „Der Tanz“ von 1910 fünf. Ihre Körper sind auf das Wesentliche reduziert, sie wirken fast androgyn und die Farbe ihrer Haut ist vollkommen identisch.

 

Mehr als zwanzig Jahre später malte Matisse eine weitere Version von „Der Tanz“. Im Auftrag des Kunstsammlers Albert C. Barnes schuf er 1933 ein aus Papierschnitten zusammengefügtes Wandbild mit demselben Titel, doch einem geänderten Motiv. Mit Maßen von 356,8 mal 1432,5 cm ist es das größte Wandbild, das Matisse je gemalt hat.

 

3. Rhythmus in reduzierter Umgebung

 

„Der Tanz“ misst stolze 290 mal 391 cm. Doch das war noch nicht groß genug. Um die Tanzenden vollständig in das Gemälde zu bekommen, verlieh Matisse ihnen eine Wölbung. Dadurch entsteht der Eindruck einer kreisförmigen Bewegung, die den Blick des Betrachters anzieht: Die Formen oben im Gemälde sind gewölbt, die unten gestreckt. Der kurvige Verlauf des Hügels zum Horizont verstärkt die Dynamik noch. Es scheint, als würde sich die Szene dem Rahmen des Gemäldes anpassen.

 

Dazu erzeugte Matisse einen Komplementärkontrast, bei dem die Leuchtkraft der komplementären Farben sich gegenseitig verstärkt. So setzte er für die Umgebung die ruhigen Farbtöne Blau und Grün ein, das aggressivere Rot oder eher Rostbraun für die Tanzenden. Zur Wichtigkeit der Farbgebung in der Malerei meinte Matisse einmal: „Tu drei oder vier Farbtupfer, deren Wirkung du begriffen hast, auf die Leinwand, füg noch einen hinzu, wenn du kannst – wenn du es nicht kannst, stell die Leinwand beiseite und fang von vorn an.“

 

4. Eine Anspielung auf Michelangelo?

 

 

Die Hände in der Mitte von „Der Tanz“ sind die einzigen, die sich nicht berühren. Diese beiden Tänzer scheinen in der Runde am weitesten voneinander entfernt zu sein. Kunsthistoriker sehen darin eine Anspielung auf „Die Erschaffung Adams“, einem Ausschnitt des Deckenfreskos der Sixtinischen Kapelle von Michelangelo von etwa 1510. Darauf sind die Hände von Adam und Gott zu sehen, die sich eben gerade nicht mehr oder noch nicht berühren.

 

Bei Sonderausstellungen in New York und Paris in den 1990er Jahren konnte man die zwei Fassungen von „La danse“ nebeneinander sehen: den Entwurf, der aus dem Nachlass von Matisse in das Museum of Modern Art in New York gelangte, und das Bild für das Treppenhaus der Schtschukins, das heute in der Eremitage in Sankt Petersburg hängt.

 

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