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„Die Geburt der Venus“ von Sandro Botticelli

„Die Geburt der Venus“ (La nascita di Venere) zählt zu den berühmtesten Werken des italienischen Malers und Zeichners Sandro Botticelli (1446-1510). Es zeigt kein christlich-religöses, sondern ein Motiv der klassischen Mythologie: Venus, die römische Göttin der Liebe und der Schönheit.

Mit der Frührenaissancegewannen die klassischen griechischen und römischen Mythen bei italienischen Künstlern an Beliebtheit. Im Mittelalter wurden kaum andere als religiöse Kunstwerke zu biblischen Themen in Auftrag gegeben. Das änderte sich im 15. Jahrhundert. Mit dem Bestreben, die kulturellen Errungenschaften der griechischen und römischen Antike wiederzubeleben, wurden die klassischen Mythen von Dichtern wie Homer und Hesiod bei gebildeten Laien wirklich populär. Nicht nur galt ihr Unterhaltungswert als unbestritten, insbesondere die darin ausgesprochene Weisheit fand unter den Vorreitern der Renaissance große Bewunderung – diese waren überzeugt, dass die Mythen tiefe, geheimnisvolle Wahrheiten enthielten.

Ein Auftragswerk

Bei dem großformatigen Gemälde (172 x 278 cm, Tempera auf Leinwand) handelt es sich um ein Auftragswerk des Mäzens Lorenzo di Pierfrancesco de’ Medici. Lorenzo hatte bei Botticelli ein Gemälde für seine Landhausvilla bestellt. Es ist anzunehmen, dass entweder er, Lorenzo, selbst oder einer seiner gelehrten Freunde dem Maler von einer der vielleicht schönsten Geschichten der griechischen Antike berichteten: der Geburt der Venus aus dem Schaum des Meeres. Diese Erzählung, so die damals gängige Meinung, versinnbildliche das Mysterium, wie Gott die Schönheit in die Welt gebracht habe.

Das Idealbild einer Frau

Venus. Ausschnitt aus: Sandro Botticelli, Die Geburt der Venus.
Venus. Ausschnitt aus: Sandro Botticelli, Die Geburt der Venus.

Venus (griechisch Aphrodite: die Meerschaumgeborene) steht auf einer Muschel im Meer, die von Göttern des Windes, von einem Regen aus Rosen begleitet, ans Ufer getrieben wird. An Land wird sie von einer der Horen – die Horen galten den Griechen als Göttinnen der Jahreszeiten – mit einem violetten Umhang empfangen.

Botticellis Werk bildet ein perfektes harmonisches Muster. Dafür wirken die Figuren nicht unbedingt solide und sind nicht bis ins kleinste Detail ausgearbeitet. Die anmutigen Bewegungen und weichen Linien der Komposition erinnern sowohl an die gotische Tradition des Florentiner Bildhauers Lorenzo Ghiberti und des Malers Fra Angelico als auch an die Kunst des 14. Jahrhunderts, etwa an das Werk „Die Verkündigung“ von Simone Martini, einem Maler der sienischen Schule.

Botticellis Venus ist so bildschön, dass der Betrachter zunächst weder die unnatürliche Länge ihres Halses noch ihre steil abfallenden Schultern oder den merkwürdig am Körper herabhängenden linken Arm bemerkt. Vielmehr unterstützen diese künstlerischen Freiheiten die Anmut der Venus und tragen zur Schönheit und Harmonie des Gesamtwerks bei. Trotz ihrer Nacktheit ist die Göttin kein Symbol der bloß körperlichen, sondern der geistigen Liebe. Venus erscheint so als unendlich zartes und empfindsames Wesen, das als Geschenk des Himmels an unsere Küsten getragen wird.

Details des Gemäldes

1. Der Westwind und seine Gefährtin

Zephyr und seine Gefährtin Chloris. Ausschnitt aus: Sandro Botticelli, Die Geburt der Venus.
Zephyr und seine Gefährtin Chloris. Ausschnitt aus: Sandro Botticelli, Die Geburt der Venus.

Im linken Teil des Bildes befinden sich Zephir (griechisch für Westwind) und die Nymphe Chloris. Sie fliegen mit verschlungenen Gliedmaßen und bilden so eine Einheit: Zephir mit seinem etwas dunkleren Teint pustet kräftig, während die blassere Chloris mit sanftem Atem dabei hilft, Venus an Land zu bringen. Um sie herum fallen Rosen mit einem goldenen Herzen vom Himmel herab, die, so der Mythos, bei der Geburt der Venus entstanden sind.

2. Die bewaldete Küste

Im rechten Teil sind Bäume eines Orangenhains zu sehen – möglicherweise eine Anspielung auf den heiligen Garten der Hesperiden (Nymphen), die, der griechischen Sage nach, darin einen Wunderbaum mit goldenen Früchten hüteten, die den Göttern ewige Jugend verliehen. Ebensogut könnte die idealisierte Umgebung mit karger Vegetation aber auch eine Landschaft in Italien darstellen. Jede Blüte ist goldumrankt. Gold wird im gesamten Kunstwerk verwendet, um seinen Wert zu unterstreichen und die Göttlichkeit der Venus zu betonen. Die mittlere Blattader jedes einzelnen dunkelgrünen Blattes ist goldfarben, beinahe jedes Blatt goldumrandet. Die Baumstämme sind durch kurze, diagonale Goldlinien hervorgehoben, und die Rohrkolben in der linken unteren Ecke des Bildes sind ebenfalls gold bemalt.

3. Die Hore

Hora. Ausschnitt aus: Sandro Botticelli, Die Geburt der Venus.
Hora. Ausschnitt aus: Sandro Botticelli, Die Geburt der Venus.

Horen sind die griechischen Göttinnen der Jahreszeiten, die zu den Begleitern der Venus gehören. Das aufwändig geschmückte Kleid der von Botticelli gemalten Hore (im linken Bilddrittel) als auch der Umhang, den sie Venus reicht, sind mit Gänseblümchen, gelben Primeln und blauen Kornblumen bestickt – alles Frühlingsblumen, die zum Thema Geburt passen. Die Hore trägt zusätzlich einen Gewandschmuck aus Myrte, einer Pflanze, die im alten Griechenland und dem antiken Rom der Venus geweiht war, und eine Schärpe aus rosafarbenen Rosen, wie sie von der Göttin Flora in Botticellis Werk „Primavera“ getragen wird.

4. Die Ankunft der Venus

Nach Hesiod wurde Venus gezeugt, als Kronos seinen Vater, den Gott Uranos, kastrierte. Dessen abgetrennte Genitalien fielen ins Meer und befruchteten es. Aus den Schaumkronen des aufgewühlten Meeres stieg Venus empor. Botticelli stellt Venus nicht unmittelbar während, sondern nach ihrer Geburt dar, kurz bevor sie zum ersten Mal von ihrer riesigen, vergoldeten Jakobsmuschel aus das Land betritt. Anders als sein Titel suggerieren mag, zeigt Botticellis Meisterwerk also nicht die Geburt der Venus, sondern vielmehr ihre Ankunft am Strand, nämlich dem Strand von Paphos auf Zypern.

Botticellis weltliches Werk wurde auf Leinwand gemalt, die weniger kostspielig war als Holzplatten,wie sie für Kirchen- und Hofbilder verwendet wurden. Für ein Bild dieses Ausmaßes wären Holzplatten außerdem nicht praktikabel gewesen wären. Generell wurden Leinwände für Werke mit nichtreligiösen oder heidnischen Motiven, die im Italien des 15. Jahrhunderts gelegentlich zur Dekoration von Landvillen in Auftrag gegeben wurden, bevorzugt. „Die Geburt der Venus“ befindet sich heute in den Uffizien in Florenz.

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