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„Die Erschaffung Adams“ von Michelangelo

Die Erschaffung Adams von Michelangelo

Das weltberühmte Gemälde „Die Erschaffung Adams“ ist das zentrale Werk des Deckenfreskos von Michelangelo (Michelangelo Buonarroti, 1475-1564), das auch als Genesis-Fresko bekannt ist. Es gehört zu einer Reihe von Illustrationen des Buches Genesis in der Sixtinischen Kapelle im Vatikan in Rom, die Papst Julius II. in Auftrag gab. Michelangelos Deckenfresko ist unter anderem vom italienischen Maler Melozzo da Forli (1438-1494) beeinflusst, der für seine hervorragenden Fertigkeiten bei der perspektivischen Verkürzung bekannt war. „Die Erschaffung Adams“ gilt als ein Schlüsselwerk der Renaissance in Rom, und sein Status als ikonisches Werk der religiösen Kunst ist unübertroffen. Einige Kunstkritiker betrachten es als das größte bildnerische Werk des Christentums. Das Fresko beeinflusste eine Vielzahl von zeitgenössischen Werken, darunter das Ölgemälde „Die Erweckung des Lazarus“ (um 1517) von Sebastiano del Piombo. 

Deckenfresken der Sixtinischen Kapelle

Ursprünglich beschränkte sich der Entwurf für die Deckenfresken auf die zwölf Apostel und ein paar andere dekorative Werke. Als Michelangelo allerdings 1508 mit der Arbeit daran begann, erweiterte er das gesamte Konzept. Als er im Oktober 1512 mit den Deckenfresken fertig war, hatte er mehr als 300 Figuren aus dem Buch Genesis und anderer Geschichten des Alten Testaments sowie der klassischen Mythologie gemalt. Für den Großteil der Arbeiten an den 520 m2 bedeckenden Fresken im Laufe dieser vier Jahre arbeitete er unter schwierigen Bedingungen auf einem 18 Meter hohen Gerüst. Dazu kam noch, dass Michelangelo zwar einige Kenntnisse vom Malen mit Tempera auf Holztafeln hatte, aber in erster Linie Bildhauer war und seine praktischen Kenntnisse in der äußerst schwierigen Kunst der Freskenmalerei sehr begrenzt waren. Dennoch gelten Michelangelos Deckenfresken als Inbegriff der Renaissancekunst und als eines der schönsten Renaissancegemälde des 15. und 16. Jahrhunderts.

"Die Erschaffung Adams" im Kontext: Das Foto zeigt die gesamte Deckenausmalung der Sixtinischen Kapelle.
„Die Erschaffung Adams“ im Kontext: Das Foto zeigt die gesamte Deckenausmalung der Sixtinischen Kapelle. Bild: Wikicommons.

Details des Gemäldes

1. Ikonisches Werk

„Die Erschaffung Adams“ wurde 1511 gemalt und ist in der chronologischen Reihenfolge der Genesis-Fresken die vierte Szene, wurde jedoch als einer der letzten Ausschnitte fertiggestellt. Es befindet sich am großen Bogenfeld des zentralen Grats zwischen zwei Dreiecken des Stichkappengewölbes. Das Fresko stellt die Geschichte aus dem Buch Genesis dar, in der Gott Adam als erstem Menschen Leben einhaucht. Michelangelos Darstellung zeigt, wie der Funken des Lebens von der ausgestreckten Hand Gottes an Adam übergeht, von einer Fingerspitze an die andere. Diese visuelle Meisterleistung wurde sowohl zu einem ikonischen Bild der christlichen Kunst als auch zu einer beliebten und oft reproduzierten Darstellung für die Übertragung physischer, spiritueller Energie.

Michelangelos „Die Erschaffung der Welt“ (Detail): Das Gesicht von Adam. Bild: Wikicommons.

2. Ausgestreckte Hände

Das Fresko ist in einem Rechteck von etwa 480 x 230 cm angeordnet. Auf der linken Seite verbindet Adams athletische Figur Natürlichkeit mit idealer Schönheit, deren präzise anatomische Darstellung die Harmonie der Proportionen des menschlichen Körpers zeigt. Dieses Bildnis gehört mit Sicherheit zu den berühmtesten männlichen Aktdarstellungen der Kunstgeschichte. Adam streckt faul seine linke Hand nach Gott aus – einem älteren, bärtigen Mann, der horizontal inmitten einer Gruppe aus Engeln schwebt, scheinbar in Bewegung. Gott streckt seine rechte Hand Adam entgegen, um den Funken des Lebens überspringen zu lassen. Ihre Finger sind im Abstand von wenigen Millimetern vor einem neutralen Hintergrund dargestellt. Es ist das erste Mal in der Kunstgeschichte, dass Gott in horizontaler Lage gemalt wurde.

Detailansicht von Michelangelos "Die Erschaffung de Welt": Die Hände.
Detailansicht von Michelangelos „Die Erschaffung de Welt“: Die Hände. Bild: Wikicommons.

3. Göttliche Energie versus menschliche Trägheit

Der stärkste Eindruck, den diese Darstellung vermittelt, ist die Gegenüberstellung der durch Bewegung dargestellten dynamischen göttlichen Energie und der menschlichen Trägheit, die Adam verkörpert. Dieser Kontrast wird an den sich fast berührenden Fingern der beiden Hände am deutlichsten: Der Zeigefinger Gottes ist komplett gestreckt und scheint voller Energie, während Adams Finger eher schlaff an der Hand herabhängt. Diese physische und konzeptuelle Kluft zwischen Gott und Mensch könnte nicht besser in einer Darstellung zusammengefasst werden. In der kunsthistorischen Terminologie der Renaissance könnte man sagen, dass „Die Erschaffung Adams“ den Triumph des „disegno“ über das „colorito“ verkörpert.

Detailansicht der "Erschaffung Adams": Gott, umgeben von Putti.
Detailansicht der „Erschaffung Adams“: Gott, umgeben von Putti. Bild: Wikicommons.

4. Symbolik oder Spekulation

Es gibt Interpretationen dieses Werkes, die behaupten, dass eine schattenähnliche Form zwischen Gott und Adam sichtbar wäre, die den „Atem des Lebens“ Gottes darstellt. Auch wird gesagt, dass die Figuren und Formen, die Gott umgeben, eine exakte Zeichnung des menschlichen Gehirns seien und Frontallappen, Hirnstamm, Hypophyse sowie andere Teile des Großhirns erkennbar wären. Dann gibt es Spekulationen, dass das rotbraune Tuch, das Gott umgibt, die Form einer menschlichen Gebärmutter hätte, während der grüne Schal unter ihm eine frisch durchschnittene Nabelschnur sei.

Zur unbekannten Identität der weiblichen Figur, die Gott im linken Arm hält, gibt es natürlich auch Theorien: Es könnte sich um die noch nicht erschaffene Eva handeln. Zur Form der Umrisse von Adam und Gott gibt es Interpretationen, wonach Gott und seine Engelsgruppe eine Ellipse bilden, das heißt ein perfekt geformtes Oval, was das kosmische Ei symbolisiert, während Adam nur ein unvollständiges Oval bildet. Ob dies alles komplexe Symbolik oder leere Spekulation ist, sei dahingestellt.

Mehr als zwanzig Jahre, nachdem er dieses Meisterwerk vollendet hatte, wurde Michelangelo 1533 von Papst Clemens VII. in die Sixtinische Kapelle zurückberufen und damit beauftragt, ein Fresko an der Wand über dem Altar anzufertigen, das das Jüngste Gericht darstellen sollte. Dieses Wandfresko wurde zu einem weiteren herausragenden Werk der Kunst des 16. Jahrhunderts und machte Michelangelo zusammen mit seinen Skulpturen, wie der Marmorstatue der römischen Pietà (um 1500, Petersdom, Rom) und der David-Skulptur (um 1504, Galleria dell‘Accademia, Florenz), zu einem der größten Künstler aller Zeiten.

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