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Meisterwerke: Drei Studien zu Figuren am Fuße einer Kreuzigung von Francis Bacon

Drei Studien zu Figuren am Fuße einer Kreuzigung (Originaltitel Three Studies for Figures at the Base of a Crucifixion) ist ein surreal-emotives Kunstwerk von Francis Bacon. Das 1944 vollendete Gemälde begründete Bacons Karriere als einer der einflussreichsten Künstler der Nachkriegszeit in England.

Wer war Francis Bacon?

Francis Bacon, benannt nach seinem berühmten Vorfahren, dem englischen Philosophen und Wissenschaftler, wurde 1909 in Dublin als Sohn britischer Eltern geboren. Er erlebte aus vielerlei Gründen eine traumatische Kindheit. Durch die Arbeit seines Vaters für das britische Kriegsministerium wohnte die Familie abwechselnd in London und Dublin in der Nähe des britischen Regiments, wodurch Bacon ständig die Regimentsübungen der Soldaten hörte. Er meinte, dass diese Nähe zu Gewalt von klein auf sein künstlerisches Schaffen beeinflusst habe. Gewalt war auch in den eigenen vier Wänden keine Seltenheit. Als Jugendlicher wurde sich Bacon seiner Homosexualität bewusst, und als der Vater ihn die Kleidung der Mutter anprobieren sah, warf er ihn aus dem Haus. Völlig mittellos schlug sich der 16-Jährige zunächst in London, danach in Berlin und Paris durch.

Francis Bacon

Nach seiner Rückkehr nach London begann er als Innendekorateur und Möbeldesigner zu arbeiten. Von einem seiner Förderer, dem Künstler Roy de Maistre, wurde er dazu ermutigt, mit der Malerei zu beginnen. 1933 stellte er sein erstes Werk Kreuzigung in einer Londoner Galerie aus, das zum Teil auf Picassos Drei Tänzerinnen basiert. Das Gemälde stellt Schmerz und Leid dar, was sich als Kernthema in Bacons gesamter Karriere fortsetzen wird. Das Werk erregte auch die Aufmerksamkeit der Kritiker, und der Erfolg ermutigte Bacon dazu, im Jahr darauf seine erste Einzelausstellung zu organisieren. Diese Ausstellung stieß jedoch auf geringes Interesse. Entmutigt kehrte Bacon bald zu seinem unsteten Lebensstil zurück und zerstörte die meisten seiner frühen Arbeiten.

Vom Kriegsdienst bei der britischen Armee während des Zweiten Weltkriegs war er wegen seines Asthmas befreit. Bacon meinte: „Wenn ich nicht Asthma gehabt hätte, hätte ich vielleicht nie wirklich mit der Malerei angefangen.“ Er konzentrierte sich in dieser Zeit wieder verstärkt auf die Malerei und schuf 1944 Drei Studien zu Figuren am Fuße einer Kreuzigung. Das Werk schockierte Publikum wie Kritiker, doch verhalf es ihm zu weiteren Gruppenausstellungen. Bei seiner ersten Einzelausstellung 1949 in der Hannover Gallery in London präsentierte er seine Gemäldereihe Heads, die ihn berühmt machte.

Francis Bacon im Orientexpress mit seinem Geliebten George Dyer 1964
Foto: DAS JOHN DEAKIN ARCHIV/GETTY IMAGES

Bacon führte einige turbulente Beziehungen in seinem Leben, die bedeutendste davon mit George Dyer. Dyer, der gerne mit Bacons Geld die Trinkeskapaden seiner eigenen Freunde finanzierte, war Bacons Gefährten aus der Kunstwelt ein Dorn im Auge. 1971 wurde Bacon zu seiner Ausstellung im Grand Palais in Paris von Dyer begleitet. Diese Retrospektive war der Höhepunkt von Bacons Karriere, der zu dem Zeitpunkt als größter lebender Maler Großbritanniens galt. Am Vorabend der Ausstellung hatten Bacon und Dyer eine Meinungsverschiedenheit, und Bacon verließ das Hotelzimmer. Als er später zurückkehrte, fand er Dyer, der sich durch eine Überdosis das Leben genommen hatte. Bacon verarbeitete die Trauer über den Selbstmord seines Liebhabers in zahlreichen Porträts von Dyer und den von Kritikern hochgeschätzten sogenannten schwarzen Triptychen.

Während der letzten zwanzig Jahre seines Lebens wurde Francis Bacon bereits mit zahlreichen Retrospektiven gewürdigt, vom Metropolitan Museum of Art in New York über die Tate Gallery in London; dazu fanden weltweit große Einzelausstellungen unter anderem bei der Documenta in Kassel statt. Francis Bacon verstarb nach einem Herzinfarkt am 28. April 1992.

Drei Studien zu Figuren am Fuße einer Kreuzigung im Detail

Drei Studien zu Figuren am Fuße einer Kreuzigung entstand 1944 im Zeitraum von zwei Wochen. Bacon beschrieb sein Alkoholdelirium während der Entstehungsphase des Gemäldes: „Ich war in miserabler Trinkerlaune und habe es enorm verkatert und betrunken gemalt; ich wusste manchmal kaum, was ich überhaupt tat. Ich denke, das Trinken hat mir vielleicht dabei geholfen, etwas freier zu sein.“
Bacon schuf das Triptychon mit Öl- und Pastellfarben auf Sundeala-Faserplatten, die er als günstigere Alternative zur Leinwand verwendete. Er schrieb in einem Brief, dass das Triptychon für eine große Kreuzigungsszene gedacht war und dass er die drei Studien als Teil einer Predella sah, dem Sockel eines traditionellen Altarbildes.

Drei Studien für Figuren am Fuße einer Kreuzigung (1944 ) von Francis Bacon (1909-1992)
Foto: Eric Hall

Die in den drei Studien dargestellten Figuren wirken mit ihren nur vage menschenähnlichen Zügen verschreckend. Während klar erkennbare menschliche Merkmale vorhanden sind, sind die Figuren bis zu einem kaum wiedererkennbaren Grad verzerrt und entstellt. An der Figur der ersten Studie ganz links sind die Nase und ein Ohr unter einem Haarschopf zu sehen. Es wurde suggeriert, dass diese Figur einen Trauernden am Kreuz darstellen könnte. Die Abgrenzung des Hintergrundes leitet den Blick des Betrachters auf die zentrale Figur des Triptychons. Der direkt auf einem Hals sitzende, verstörend detailliert dargestellte Mund ist dem Betrachter zugewandt, während die Position der Figur auf dem Sockel unklar ist. Rund um den Kopfteil ist ein Stück weißer Stoff gewickelt, was eine Anspielung auf Matthias Grünewalds Gemälde Die Verspottung Christi sein mag. Die Figur in der dritten Studie steht auf einem kleinen Rasenstück, den Mund wie zu einem Schrei weit aufgerissen. Die schwarzen Linien im Hintergrund jeder der drei Studien erzeugen den Eindruck eines engen, geschlossenen Raumes.

Drei Studien zu Figuren am Fuße einer Kreuzigung und die Mythologie

Obwohl die Kreuzigung Teil des Titels des Gemäldes ist, gibt es weder direkte Bezugspunkte zu Jesus noch zu seiner Kreuzigung. Die Figuren basieren laut Bacon auf den drei Rachegöttinnen, in der griechischen Mythologie als Erinnyen und in der römischen als Furien bezeichnet. Inspiriert wurde Bacon insbesondere von der Orestie, einer Trilogie griechischer Tragödien des Dichters Aischylos. In der Orestie sind die Erinnyen Rachegöttinnen der Unterwelt, die als Instrumente der Rechtsprechung hinter Orestes herjagen, um ihn für den Mord an seiner Mutter zu bestrafen.

Der Spott Christi von Matthias Grünewald, (1503 – 1505), eine mögliche Inspiration für Bacons drei Studien

Beim griechischen Dichter Hesiod kastriert Kronos, einer der Titanen, seinen Vater Uranos und wirft dessen Glied ins Meer. Dabei fallen Blutstropfen an Land, woraus die Erinnyen entstehen. Ihre Aufgabe ist es, als Rachegeister Verbrechen zu sühnen, indem sie die jeweiligen Verbrecher als personifizierte Gewissensbisse heimsuchen und quälen. Im beschriebenen Verhalten ähneln sie Hexen – mit Schlangen als Haaren, Hundeköpfen, Flügeln und blutunterlaufenen Augen.

Reaktionen auf die Drei Studien zu Figuren am Fuße einer Kreuzigung

Das Gemälde gilt allgemein als das erste reife Werk von Bacon. Jede der drei Figuren lässt sich anhand stilistischer Elemente bis zu einem gewissen Grad auf frühere Arbeiten zurückführen, etwa die langgestreckten, verrenkten Formen. Bacon meinte, dass alle Arbeiten vor diesem Werk irrelevant seien, und bestand bis zu seinem Tod darauf, dass keine Retrospektive Werke vor 1944 zeigen würde – die meisten früheren Werke hatte er ohnehin selbst zerstört.

Als das Werk 1945 zum ersten Mal bei einer Gruppenausstellung in der Londoner Galerie Lefevre präsentiert wurde, waren Kunstkritiker und Publikum irritiert. Der Kritiker John Russell schrieb über „Bilder, die so entsetzlich waren, dass der Geist bei ihrem Anblick mit einem Schnappen ins Schloss fällt. Sie waren von der Anatomie her halb Mensch und halb Tier und befanden sich in einem niedrigen, fensterlosen und merkwürdig proportionierten Raum. Sie konnten beißen, nachfassen und aussaugen, und sie hatten sehr lange, aalartige Hälse, aber ihre Funktionsweise war ansonsten rätselhaft.“
Der Journalist Herbert Furst empfand ähnliche Gefühle von Abscheu und schrieb: „Ich muss gestehen, ich war so schockiert und verstört vom Surrealismus von Francis Bacon, dass ich froh war, aus dieser Ausstellung herauszukommen. Vielleicht war es der rote Hintergrund, der mich an Eingeweide denken ließ, an eine Anatomie oder Vivisektion, und ich war überempfindlich.“

Zur Reaktion von Kritikern und Öffentlichkeit meinte Bacon: „Ich habe nie gewusst, warum meine Bilder schrecklich sind. Ich werde immer in die Schublade des Schreckens gesteckt, aber ich denke nie an Schrecken. Vergnügen ist eine so vielfältige Sache. Und der Schrecken ist es auch.”

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