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Die Umsetzung von Pandemien in der Kunst

Am 11. März 2020 erklärte die Weltgesundheitsorganisation die durch das Virus SARS-CoV-2 verursachte Ausbreitung von Coronaviren zur Pandemie. Für uns alle ist das Ausmaß ein Schock. Schaut man sich jedoch die Menschheitsgeschichte an, wird deutlich, dass Pandemien uns seit Jahrhunderten heimsuchen. Wo kann man besser Zeugnisse finden als in der Kunst, die von jeher der Spiegel des Lebens ist. Kunstwerke sind Dokumente unserer Menschheitsgeschichte. In Zeiten der Krise, wichtiger denn je, eröffnen sie dem Betrachter nicht nur historische Begebenheiten und Emotionen, sondern auch künstlerische Poesie.

Nicolas Poussin, Die Pest von Ashdod, 1630/31

Die Pest in der Kunst

Kaum eine andere Katastrophe prägte die kollektive Vorstellung von Machtlosigkeit und Unglück so sehr wie die Pest. Der für die Pest verantwortliche Bakterien-Stamm Yersinia pestis verbreitete sich einer Studie zufolge zunächst von Asien nach Europa und von dort wieder nach China. Dort begann Ende des 19. Jahrhunderts die bislang letzte Pandemie.

Nicolas Poussin

Den Ausbruch der Beulenpest (1629-163) in Italien erlebte der französische Maler des klassizistischen Barocks Nicolas Poussin mit. Der Künstler war zu jener Zeit in Rom mit der Kommissionsarbeit “Pest von Ashdod” beschäftigt. Das erlebte hatte starken Einfluss auf die Entstehung und Umsetzung seines Werkes. In der Kunst des 17. Jahrhundert findet man nur wenige künstlerische Umsetzungen der Pest. Grund dafür war der Glaube, dass sich das Gesehene manifestieren und man selbst erkranken würde. Erschreckende Einblicke gewährt uns Poussins Darstellung. Sie fängt das Chaos, die Hilflosigkeit und Angst der Menschen auf beeindruckende Weise ein.  

Michel Serre, Szene der Pest von 1720 in La Tourette

Michel Serre

Den letzten großen Pestausbruch erlebte Europa 1720. Mit am schlimmsten beroffen waren vor allem die Provence und Marseille. Monumentales Zeugnis davon gibt uns das Gemälde von Michel Serre. Die historische Begebenheit ist Gegenstand zahlreicher ikonographischer Darstellungen. Wir sehen im Bildmittelpunkt Chevalier Roze. Er war französischer Aristokrat und Generalkommissar für das Viertel Rive-Neuve in Marseille. Während die Pest wütete richtete er Quarantänen ein und organisierte die Verteilung von humanitären Hilfsgütern an die Bevölkerung. Am 16. September 1720 leitete er eine Gruppe, die Leichen im Armenviertel von Marseille bestattete. Infolgedessen erkrankte Roze selbst an der Pest. Glücklicherweise überlebte er diese jedoch, obwohl die Überlebenschancen ohne moderne Medizin unwahrscheinlich gering waren. Er bleibt in Erinnerung für seine Courage und Selbstlosigkeit humanitäre Hilfe in unmenschlichen Zeiten zu leisten.

Die Spanische Grippe in der Kunst

Die Spanische Grippe war die erste Pandemie des 20. Jahrhunderts. Sie verzeichnete vom Ende des Ersten Weltkrieges bis Dezember 1920 Millionen Todesopfer. Die Ursache: Ein virulenter Abkömmling des Influenzavirus (Subtyp A/H1N1). Forschern zufolge hatte er seinen Ursprung nicht wie der Name irreführend glauben macht in Spanien, sondern in den USA. Auch diese Pandemie findet ihren Niederschlag in der Kunst. Ihre Umsetzungen sind von einer starken Emotionalität und Expressivität beherrscht.

Egon Schiele

Egon Schiele der bedeutendsten Künstler der Wiener Moderne hat uns ein unvergessliches Zeugnis hinterlassen. Es birgt ein tragisches Schicksal in sich. Aus einem Brief Schieles erfahren wir, dass seine Frau, damals im sechsten Monat schwanger, am 19. Oktober an der Spanischen Grippe erkrankte. Sie starb nur neun Tage später. Noch zwei Tage zuvor fertigte Schiele zwei intime Zeichnungen von ihr an: “Edith Schiele” und “Mutter und Kind”. Dies sind seine letzten Werke, denn auch er erkrankte an der Grippe und erlag ihr am 31. Oktober. Egon Schiele wurde nur 28 Jahren alt. Sein Werk zählt zweifellos zu den bedeutendsten Leistungen der Moderne. Schiele hat uns in seiner viel zu kurzen Lebensspanne einen außerordentlichen künstlerischen Schatz hinterlassen.

Edvard Munch

Der norwegische Maler des Symbolismus Edvard Munch konnte im Gegensatz zu Millionen anderen von der Spanischen Grippe genesen. Im Format des klassischen Selbstbildnisses blickt er nicht nur auf sein Leiden, sondern auch auf seinen Triumph zurück. In “Bildnis nach Influenza” porträtiert er sich in einem Sessel sitzend. Die summarisch gemalten Gesichtszüge lassen geschlossene Augen vermuten. Er ist vielleicht noch nicht ganz bei Kräften, trägt aber bereits seine Jacke sowie Hose und Schuhe als Zeichen seiner Rückkehr in die Gesellschaft. Das Werk “Selbstporträt nach der Spanischen Grippe” scheint einem früheren Stadium der Genesung gewidmet zu sein. Munch trägt noch seinen Morgenmantel und das Bett ist sichtbar im Bildhintergrund. Der 56-jährige Künstler überlebte die Spanische Grippe und trotzte ihr, indem er sie auf Leinwand bannte. Diese Selbstbildnisse geben exemplarisch Einblicke in Munchs Werk: Der Maler in Selbstreflexion über Krankheit, sein Leben und möglicherweise auch sein Werk.

In Zeiten von Covid-19

Unsere Singulart Künstler setzen sich auf verschiedenste Weise mit der allgegenwärtigen Situation auseinander. Durch ihre künstlerische Umsetzung offenbaren sie uns verschiedene Blickwinkel und Perspektiven auf die Krise. Nachfolgend finden Sie die Umsetzungen der Pandemie von zwei unserer Künstlerinnen.

Anastasia Vasilyeva

“As an artist, I can’t step away and not speak about my feelings and thoughts concerning the COVID-19 crisis”

Die in der Schweiz lebende Künstlerin Anastasia Vasilyeva arbeitet an einer Serie, die dokumentarisches Kunstprojekt heisst. Schon der Titel weist auf den aktuellen Charakter hin, den diese Serie kennzeichnet. Anastasia hält Nachrichten, Gedanken, Gefühle und Statistiken über die Pandemie auf Leinwand fest. Sie lässt den Betrachter so durch ihre Kunst auf teils subjektive oder fakten bezogene Weise an der andauernden Reise teilhaben. Die Serie beginnt Ende 2019 mit Introduction: The information we had in 2019 und endet Gegenwärtig mit dem Werk 15.04.2020 – Two Million. Der Künstlerin geht es mit der Serie nicht darum Kunst zu schaffen, die einen dekorativen Aspekt erfüllt, sondern ein Dokument zu produzieren, dass es späteren Generationen erlaubt, unsere Gefühle in dieser Zeit nachzuvollziehen. Hier liegt auch der feine Unterschied zwischen bloßer historischer Quelle und der Umsetzung in Kunst als Zeitzeugnis. Künstlerisches Schaffen macht es möglich zu Dokumentieren und gleichzeitig subjektive Gefühle einfließen zu lassen und für spätere Generationen zu konservieren. Die Gedanken, die sich in Anastasias Werken widerspiegeln, sind die Gedanken vieler, die mit der Coronavirus-Epidemie konfrontiert sind. Anastasia Vasilyeva Arbeiten sind Zeugnisse einer historischen Situation in der wir uns alle befinden.

Kamile Lukrecija Lukosiute

“I’m always the one who probably will still be trying to have fun even at the most miserable moment. I always spot something that is funny and like to highlight it.”

Auch die junge litauische Künstlerin Kamille Lukrecija Lukosiute setzt sich mit der COVID-19 Pandemie auseinander. In ihren Werken finden wir eine humorvolle und teils ironische Auseinandersetzung mit der Krise. Kamille bleibt ihrem Stil treu und hat keine Angst anzuecken, wenn sie provozierende Slogans wie etwa: Buy this. And get a free toilet paper mit Acryl auf Leinwand schreibt. Die Arbeit CORONAVIRUS trägt in Großbuchstaben die Botschaft: Coronavirus has infected this masterpiece. Eine weitere spitzzüngige und amüsante Bearbeitung der allgegenwärtigen Situation. Die künstlerische Umsetzung der Pandemie birgt eine tiefere  Botschaft, als die plakativen Botschaften zunächst glauben machen. Kamille besitzt die Fähigkeit mit ihrer Kunst den Betrachter aufzuheitern. Sie schafft es in all dem Unglück das die Pandemie gebracht hat, die humorvollen Aspekte zu beleuchten, denn “Ernst ist das Leben, heiter ist die Kunst” hat schon Schiller gewusst. Man soll ja bekanntlich den Humor nicht verlieren, um solche Situationen geistlich gesund zu überstehen.

Wir Kunstliebhaber und Kulturfreunde erleben schwierige Zeiten und mehr denn je glauben wir bei Singulart an die Wirksamkeit, Kunst online sichtbar zu machen. Wir glauben an die Kraft, die von Ihr ausgeht und den Trost und die Inspiration die sie spendet. Die künstlerische Auseinandersetzung mit COVID-19 hat verschiedene Gesichter und ihre mannigfaltigen Interpretation und Intention heben verschiedenste Aspekte hervor.  

Deshalb finden sie hier eine kuratierte Kollektion von Aufheiterung, Reflexion und Interpretation aus den Pinseln unserer Singulart Künstler.