Künstler

Ein Tag mit Stefan Reiss

Stefan Reis

Stefan Reiss ist ein deutscher Künstler, dessen künstlerischer Ansatz sich auf die physische Erfahrung und Transformation digitaler Zeichen in analoge, haptische Elemente konzentriert. Lesen Sie weiter, um zu erfahren, wie er in Zeichnung, Malerei und Skulptur räumliche Konstruktionen schafft und dabei stets das Materielle mit dem Virtuellen verbindet.

Guten Morgen, Stefan! Was ist das Erste, was Sie morgens tun, wenn Sie aufwachen?

Es fällt mir fast leichter, das Letzte zu beschreiben, was ich jeden Abend vor dem Schlafengehen tue. Das liegt daran, dass ich viele Ideen entwickle, bevor ich einschlafe, und oft in der Lage bin, Dinge miteinander zu verbinden, die mich schon lange beschäftigt haben, oder das besondere Etwas zu finden, das eine Idee wirklich spannend macht. Morgens denke ich dann über die letzte Idee nach, die mir am Abend gekommen ist, und verwerfe sie oder nehme sie zur weiteren Bearbeitung auf.

Was inspiriert Sie jeden Tag zu Ihrer Arbeit?

Ehrlich gesagt kann mich fast alles auf dieser Welt inspirieren – mhh, sogar auch außerhalb dieser Welt. Natürlich lassen sich die Inspirationen dennoch kategorisieren: Zunächst einmal inspirieren mich die Kunstgeschichte und Künstler*innen, deren Werke ich spannend finde. Aber auch die Natur, die Architektur und die Literatur sind Auslöser für Ideen oder die Auseinandersetzung mit bestimmten Themen und Fakten. Ich war zum Beispiel einmal von einer verschneiten Winterlandschaft fasziniert, die fast schwarz-weiß erschien. Unter einem schrägen Baumstamm, auf dem kein Schnee lag, wurde eine exakte schwarze Linie gezogen.

Aber auch einfache Dinge wie Pappröhren, Reste, Müll oder Schrott können spannend sein. Ich bin immer wieder fasziniert von dem Schrottplatz, den ich von meinem Atelier aus sehen kann.

Wie sieht Ihr Arbeitsbereich aus?

Viele meiner Zeichnungen und Skizzen entstehen zu Hause, oft am Abend. Gemälde, Skulpturen und Modelle hingegen müssen im Atelier angefertigt werden. Wenn ich zu Installationen, Festivals, öffentlichen Kunstaufträgen, Preisen und Veranstaltungen eingeladen werde, werden die Werke in den Ausstellungsräumen aufgestellt. Oft handelt es sich um Arbeiten, die ich nicht allein, sondern nur mit Hilfe von Bauarbeitern und Technikern aufbauen kann.

Stefan Reiss - Atelier
Ein Blick in das Atelier von Stefan Reiss.

Würden Sie den Kern Ihrer Technik oder Ihres Stils beschreiben?

Bei meinen ersten Gemälden ging es mir vor allem darum, digitale Zeichen in den realen Raum zu übertragen, zunächst durch Malerei, dann durch Installationen. Die digitalen Zeichnungen sollten ihre Räumlichkeit zurückgewinnen und greifbar werden. Da menschliche Hände nicht so präzise sein können wie digitale Formen, passieren natürlich Fehler, und die Werke müssen ein anderes, analoges Leben führen. Meine Installationen erweitern diese Idee: Digitale Zeichen verwandeln sich in räumliche Strukturen, die wiederum als Projektionsflächen für digitale Zeichen, Strukturen und Formen dienen. Das Ergebnis ist eine eigentümliche Überschneidung von Räumlichkeit und Flächigkeit, ein realer Raum mit digitaler Ausdehnung.

Deshalb halte ich Augmented Reality für viel spannender als Virtual Reality. Für mich muss die virtuelle Welt mit der realen Welt verschmelzen. Wir, die wir hier stehen, sollten hier stehen. Ich möchte nicht in einem virtuellen Raum stehen.

Dies ist also mein wesentlicher konzeptioneller Ansatz, und meine neueste Bilderserie zielt genau darauf ab. Die digitalen Zeichen werden nicht mehr mit Schablonen, sondern mit einer Sprühdose direkt auf die Leinwand übertragen. Die dabei entstehenden Sprühfelder entfernen sich von den digitalen Zeichen und bilden wieder Farbstrukturen.

Haben Sie bestimmte Rituale oder unverzichtbare Gegenstände im Studio?

Ich habe keine wirklichen Studiobedürfnisse. Ich empfinde das Hören von Musik als völlig störend und bin der Meinung, dass es die Musik selbst beeinträchtigt, wenn man sie nur als Hintergrundgeräusch benutzt. Ich höre Musik, wenn ich zu Hause in meinem Sessel sitze.

Was mich im Atelier oft begleitet, ist der Gestank von Sprühdosen und feinem Staub. Natürlich darf es im Studio nicht zu kalt sein, aber zu warm ist viel schlimmer. Das einzige Ritual, das ich habe, ist vielleicht das ständige Umräumen. In meinem Atelier gibt es zu viele Dinge; Reste von Installationen, Skulpturen und Gemälden müssen immer wieder neu angeordnet werden, um den Kopf für die nächste Arbeit frei zu bekommen. Das bedeutet aber nicht unbedingt, dass mehr Platz frei wird…

Stefan Reiss, O.T. 537 (2014),
Stefan Reiss, O.T. 537 (2014), Öl auf Leinwand, 80x80cm.

Wie wissen oder entscheiden Sie, wann ein Kunstwerk fertig ist?

Bei Kunstwerken, die einen vordefinierten Arbeitsablauf haben, stellt sich die Frage nicht so oft. Die Skizze ist entscheidender, und da sie digital ist, kann ich die letzten Schritte löschen oder die Farbe, Form und Position immer wieder ändern. Bei allen anderen Arbeiten weiß ich, wann sie fertig sind, weil ich ein Gefühl habe, das mir sagt, dass ich aufhören muss. Während und nach meinem Studium habe ich immer wieder Stücke ruiniert, weil ich den Moment zum Aufhören verpasst habe. Aber das ist etwas, das man mit der Zeit lernt.

Wie entspannen Sie sich am liebsten nach einem anstrengenden Tag?

In den meisten Fällen lese ich Zeitungen, Zeitschriften oder Bücher – in der Regel Fachliteratur, Kataloge und wissenschaftliche Forschungsarbeiten, dies lieber als Romane. Digital und analog. Oder ich stöbere im Internet nach interessanten Dingen. Ich sehe mir auch Filme an, meistens über den Projektor oder im Kino. Natürlich gehe ich auch zu Ausstellungseröffnungen, Ausstellungen und Festivals. Aber Lesen ist der beste Gegenpol zu meiner anstrengenden Studioarbeit.

Welcher Aspekt des kreativen Prozesses gefällt Ihnen am besten?

Der spannendste Punkt ändert sich oft von Arbeit zu Arbeit. Bei den Zeichnungen, die ich auf einem Tablet mache, finde ich es spannend, dass ich sie überall machen kann: im Zug, im Wartezimmer beim Zahnarzt, im Flugzeug. Ich kann das Gerät fast überallhin mitnehmen, und manchmal brauche ich nur ein bisschen Strom. Der anstrengendste Teil der Schablonenmalerei – sowohl physisch als auch psychisch – ist definitiv das Schneiden der Schablonen. Der Prozess des Auftragens der Farbe ist der positivste Teil der Arbeit, denn es ist aufregend zu sehen, wie das ganze Bild zusammenkommt.

Bei den Installationen genieße ich den Moment, wenn alles technisch umgesetzt ist, aber noch kein Publikum da ist; ich setze mich gerne selbst in die Installation und lasse alles auf mich wirken. Die verschiedenen Prozesse sind so unglaublich vielfältig, das macht sie unruhig, unsicher, verwirrend… aber sie bieten auch alle eine schöne Herausforderung.

Stefan Reiss, O.T. 197 (2011)
Stefan Reiss, O.T. 197 (2011), Lithographie auf Papier unter Glas, 28x35cm.

Wer sind einige Ihrer Lieblingskünstler*innen oder künstlerischen Einflüsse?

Es gab schon immer Künstler, die einen bleibenden Eindruck bei mir hinterlassen haben. An erster Stelle muss ich Roman Signer nennen – ein Künstler, den ich während meines Studiums durch einen Kommilitonen kennengelernt habe. Einige von uns haben sich „Signers Koffer“ angesehen, einen Dokumentarfilm von Peter Liechti über den Künstler. Der Humor, die Komplexität der Arbeiten, die Leichtigkeit, die Forschung mit Material, Textur und Körperlichkeit, aber auch die Poesie jedes Werkes sind außergewöhnlich.

Der zweite Künstler, der mich beeinflusst hat, war Blinky Palermo. Vor ein paar Jahren konnte ich eine seiner seltenen großen Ausstellungen mit großformatigen Farbfeldbildern aus Stoff sehen. Es gibt heute nur wenige Künstler, die Farbe, Material, Fläche und Raum so radikal zu bündeln vermögen wie er.

Auch die Arbeiten von Francois Morellet begleiten mich schon seit längerem. Die Verbindung von Skulptur, Malerei und Licht ist ein Hauptanliegen seiner Arbeit, und ich finde seine Installationen mit Neonröhren besonders herausragend.

Zu guter Letzt möchte ich noch Peter Buggenhout erwähnen. Auf seine Werke bin ich durch „ABC – Art Berlin Contemporary“ aufmerksam geworden. Am Ende der Ausstellungshalle befanden sich drei große Displays mit drei dunkelgrauen Skulpturen. Buggenhouts Werk umfasst eine Vielzahl spannender Skulpturen, die allesamt ein unglaubliches Gespür für das Material offenbaren. Jede dieser Skulpturen erzählt eine kleine, besondere Geschichte, jede mit einer spezifischen Lebendigkeit.

Stefan Reiss
Stefan Reiss

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