Kunstgeschichte  •  Kunstwerke unter der Lupe  •  Von der Redaktion empfohlen

„Guernica“ von Pablo Picasso

„Guernica“ zählt neben„Les Demoiselles d’Avignon“ zu den bekanntesten Gemälden Pablo Picassos (1881-1973). Es entstand 1937 als Reaktion auf die Bombardierung der gleichnamigen baskischen Kleinstadt durch die deutsche Legion Condor.

Im Juli 1937 wurde Picassos Gemälde zum ersten Mal ausgestellt, und zwar gleich vor einem Millionenpublikum bei der Weltausstellung in Paris. Seitdem ist es zu einer der eindrucksvollsten Anti-Kriegs-Ikonen der Menschheit geworden, deren universelle Aussage bis heute aktuell ist.

Verbrechen gegen die Menschlichkeit

Das 1937 von der deutschen Legion Condor zerstörte Gernika (kastilisch Guernica)
Die Ruinen von Gernika

Im Jahr 1936 wurde Picasso von der Spanischen Republik beauftragt, ein Wandgemälde für den spanischen Pavillon der Pariser Weltausstellung 1937 anzufertigen, das die neuen Technologien darstellen sollte. Stattdessen entschied sich Picasso für ein offen politisches Gemälde.

1936 hatte der Spanische Bürgerkrieg 1940 begonnen. Faschistische Truppen unter General Francisco Franco kämpften drei Jahre lang gegen die Zweite Spanische Republik, unterstützt vom faschistischen Italien und dem nationalsozialistischen Deutschland. Sie schickten die Legion Condor, die die für Basken heilige Stadt Gernika (kastilisch „Guernica“) am 27. April 1937 dem Boden gleich machte. Es war der erste Angriff der Luftwaffe auf eine Zivilbevölkerung ohne jegliches militärisches Ziel. Die am Rande der Stadt gelegene Rüstungsfabrik blieb ebenso unversehrt wie zwei Kasernen in einiger Entfernung. Zweck des Bombardements war augenscheinlich die Demoralisierung der Zivilbevölkerung und, wie Oberbefehlshaber Hermann Göring später zugab, Munitionstests der deutschen Luftwaffe. So wurde Gernika durch den Abwurf von Spreng- und Brandbomben in Schutt und Asche gelegt, während weitere Kampfflugzeuge den Fluchtversuchen der Zivilbevölkerung ein tödliches Ende setzten. 1600 Bewohner – ein Drittel der Zivilbevölkerung – wurden verletzt oder getötet, wie die baskische Regierung wenig später meldet.

Antikriegssymbol

Picasso selbst erfuhr in Paris von der Gräueltat. Sie war der Anlass, seine ursprüngliche Bildidee, eine unpolitische Komposition zum Thema „Maler und Modell“, zu verwerfen und stattdessen ein Mahnmal gegen dieses grausame Massaker zu schaffen. In weniger als einem Monat und nach hunderten von Skizzen wurde das Werk fertig. Im spanischen Pavillon der Weltausstellung in Paris geriet es zur Hauptattraktion schlechthin und schockierte die Besucher mit seiner schonungslosen Darstellung von Leid und Terror.

Um das Bild ranken sich seitdem viele Legenden: Als Paris in den 1940er Jahren von den Deutschen besetzt war, soll Picasso von einem verblüfften deutschen Offizier gefragt worden sein, ob er, Picasso, „Guernica“ geschaffen habe. „Nein“, habe Picasso geantwortet, „das haben Sie gemacht.“

Nach der Weltausstellung 1937 schickten die spanischen republikanischen Streitkräfte das Werk auf eine ausgedehnte Reise durch Nordeuropa und die USA. Dort sollte es auf den Krieg aufmerksam machen und für die republikanische Seite im Bürgerkrieg werben. Die Ausstellungseinnahmen spendete Picasso einer Stiftung für die Opfer des Bürgerkriegs. Anschließend wurde das Werk an das Museum of Modern Art in New York ausgeliehen. Dort hing es 40 Jahre, denn Picasso hatte verfügt, dass sein Werk nur dann in seinem Ursprungsland ausgestellt werden dürfte, wenn Spanien als freiheitliche Republik wiederhergestellt sei. So kehrte „Guernica“ erst 1981, nach dem Tod General Francos, zurück. Heute befindet sich das Gemälde dauerhaft im Museo Reina Sofia, dem spanischen Nationalmuseum für moderne Kunst in Madrid.

Details des Gemäldes

Die emotionale Kraft des Gemäldes kommt zum einen von seiner überwältigenden Größe: In Öl auf Leinwand hat das Werk mit stolzen 349 x 776 cm die Abmessungen einer Hauswand. „Guernica“ ist kein Werk, das man mit Distanz betrachtet. Als Betrachter taucht man ein in die Handlung und wird von ihren überlebensgroßen Figuren förmlich mitgerissen.

1.Figuren

Detailansicht von Pablo Picassos Guernica, linker Bildausschnitt, Stier, Frau mit Kind, Mann auf dem Boden liegend
Detailansicht (linker Bildausschnitt), Pablo Picasso, Guernica

In diesem Werk scheint es auf den ersten Blick überall um Tod und Sterben zu gehen. Erst sobald sich das Auge an das frenetische Treiben gewöhnt hat, werden Figuren deutlich. Ganz links ist eine Frau zu sehen, den Kopf nach hinten gebeugt, vor Schmerz und Trauer schreiend, während sie den Körper eines toten Kindes hält. Schräg rechts über ihr ist der Kopf und der Körper eines großen, weißen Stiers zu erkennen – die einzige unverletzte und ruhige Figur inmitten des Chaos. Unterhalb von ihr liegt ein verwundeter oder toter Mann, sein Arm ist abgetrennt, in der verstümmelten Hand hält er ein zerbrochenes Schwert. Nur sein Kopf und seine Arme sind zu erkennen, der Rest des Körpers wird durch die sich teils überlappenden, teils verstreuten Fragmente anderer Figuren verdeckt. In der Mitte des Gemäldes steht ein verängstigtes Pferd, mit weit aufgerissenem Maul, offenbar schreiend und von oben von einem Speer durchbohrt. Rechts sind drei weitere Frauen abgebildet: Eine scheint in die Szene zu stürzen, den Blick auf die oben in der Mitte leuchtende, augenförmige Deckenlampe gerichtet; ihr Bein ist stark vergrößert, als würde es sie bei der Flucht behindern. Eine andere neigt sich aus dem Fenster eines brennenden Hauses, eine Lampe in ihrem langen, ausgestreckten Arm haltend. Die dritte Frau scheint in einem brennenden Gebäude gefangen zu sein, vor Angst und Entsetzen schreiend. Ihre Gesichter sind leidverzerrt, ihre Augen seltsam entrückt, ihre Münder im Schrei geöffnet.

2.Farbgebung

Picasso verwendete für „Guernica“ monochrome Farben, Grau, Schwarz und Weiß – die gleichen Farbtöne, in denen Zeitungen über die Gräueltat berichtet und Fotografen sie eingefangen hatten. Diese beinah dokumentarische Qualität wird durch das Muster in der Bildmitte verstärkt, das die Illusion von Zeitungspapier erzeugt. Der scharfe Wechsel zwischen Schwarz-Weiß-Kontrasten über die gesamte Leinwand erzeugt zudem Dynamik und dramatische Intensität.

3.Visuelle Komplexität

Detailansicht von Pablo Picassos Guernica, Bildmitte, Pferd, Lampe, Frauen
Detailansicht (Bildmitte), Pablo Picasso, Guernica

Auf den ersten Blick wirkt die Komposition des Gemäldes verwirrend und chaotisch, alles scheint in Bewegung zu sein. Der Raum ist nicht eindeutig auszumachen, einzelne Teile des Bildes überschneiden sich, wodurch Formen verdeckt werden und ihre Grenzen nur schwer erkennbar sind. Körper sind verzerrt und deformiert, Formen sind fragmentarisch – Stilelemente, die stark an Picassos kubistische Phase erinnern. Alles scheint sich in der Bildmitte ungeordnet zusammenzuballen, während scharfe Linien die zerstückelten Körper durchdringen und weiter aufsplittern. Tatsächlich gibt es jedoch eine übergeordnete visuelle Reihenfolge, ein kompositorisches Gleichgewicht: Picasso ordnete die Figuren in drei vertikalen Gruppen an, die sich alle in dieselbe Richtung bewegen, während die Figuren in der Mitte in einem großen Dreieck aus Licht platziert sind.

4.Symbolik

Über die Bedeutung einzelner Bildausschnitte „Guernicas“ wurden seit jeher lange Debatten geführt. Picasso selbst antwortete auf die Frage nach der Symbolik des Werks, er drücke darin seine „Abscheu vor der militärischen Kaste aus, die Spanien in ein Meer von Schmerz und Tod gestürzt hat“, fügte aber später hinzu, es sei „nicht Sache des Malers, die Symbole zu definieren. Sonst wäre es besser, wenn er sie in vielen Worten ausdrücken würde. Die Öffentlichkeit, die das Bild betrachtet, muss die Symbole so interpretieren, wie sie sie versteht.“

Stier und Pferd sind häufige Motive Picassos. Sie gehören zum Ritual von Leben und Tod der spanischen Stierkämpfe, die Picasso bereits als Zehnjähriger zusammen mit seinem Vater besucht hatte. Es liegt daher nicht fern, den Stier als den Ausdruck von (männlicher) Kraft, roher Gewalt oder gar als das unerbittliche Schicksal selbst zu deuten.

Vielleicht ist es aber genau diese Mehrdeutigkeit, das Fehlen von historischen Details und die Tatsache, dass weiterhin brutale Kriege geführt werden, was „Guernica“ zu einem so zeitlosen Werk macht.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.