Kunstgeschichte,  Kunstwerke unter der Lupe

„Das Mädchen mit dem Perlenohrring“ von Jan Vermeer

Das Mädchen mit dem Perlenohrring von Jan Vermeer

„Das Mädchen mit dem Perlenohrring“ (auch „Das Mädchen mit dem Perlenohrgehänge“) ist eines der bekanntesten Werke des niederländischen Malers Jan Vermeer (1632-1675). Das etwa 1665 in Öl auf Leinwand geschaffene Gemälde zeigt eine junge Frau, die einen Turban mit herabfallender Schärpe und einen sehr großen Perlenohrring trägt. Das Werk gehört zur dauerhaften Schausammlung des Museums Mauritshuis in Den Haag.

Während seine frühen Werke zumeist in den Bereich der Historienbilder fallen, stellten Vermeer wie auch seine Zeitgenossen in erster Linie Szenen des Alltags, sogenannte Genreszenen, dar. Vermeer zeigte dabei häufig Frauen bei alltäglichen Beschäftigungen. Bemerkenswerte Beispiele dafür sind etwa das Bild „Briefleserin am offenen Fenster“ (ca. 1657) oder „Die Musikstunde“ (ca. 1665). Vermeer war ein überaus aufmerksamer, besonnener Maler – nur 37 Werke von ihm sind uns heute bekannt. Das ist sehr wenig im Vergleich zu seinen Zeitgenossen, die oft Hunderte Gemälde fertigstellten.

Details des Gemäldes

Vermeer signierte seine Gemälde nur gelegentlich, und auch eine genaue Datierung seiner Werke gab der Forschung einiges zu tun. Unzählige Fälschungen erschwerten die Arbeit. Im Laufe der Jahrhunderte wurden Vermeer auch immer wieder Werke zugeschrieben, die sich dank moderner Forschungsmethoden später als Bilder anderer Maler herausstellten.

„Das Mädchen mit dem Perlenohrring“ trägt zwar seine Signatur „IVMeer“, ist allerdings undatiert. Historiker nehmen an, dass Vermeer das Bild mit den Maßen 44,5 × 39 cm um das Jahr 1665 gemalt hat, während einer Periode, in der er mehrere Gemälde mit Perlenmotiv schuf.

Das Werk zeigt eine junge Frau vor einem dunklen, flachen Hintergrund, was die Aufmerksamkeit des Betrachters ausschließlich auf sie lenkt. Sie trägt einen blauen Turban mit herabfallender, hellgoldener Schärpe, den titelgebenden Perlenohrring und eine beige oder senffarbene Jacke mit sichtbarem weißem Kragen darunter. Das Porträt endet kurz unter der Schulterpartie und zeigt sie eingefroren in einem Zwischenmoment, in der Bewegung zwischen Zu- und Abwenden. Im Gegensatz zu vielen anderen Sujets von Vermeer ist sie nicht mit etwas Alltäglichem beschäftigt. Der Maler fing einen flüchtigen Moment ein: Das Mädchen dreht ihren Kopf über die Schulter und begegnet dem Blick des Betrachters mit großen Augen und geöffneten Lippen, als wolle sie gerade etwas sagen.

Mona Lisa des Nordens

Ihr rätselhafter Gesichtsausdruck, verbunden mit dem Mysterium um ihre Identität, führte zu Vergleichen mit der mehrdeutigen Thematik von Leonardo da Vincis „Mona Lisa“ (ca. 1503–19). Vermeers Gemälde wird deswegen auch oft als die „Mona Lisa des Nordens“ bezeichnet. Im Gegensatz zu Leonardos Werk ist „Das Mädchen mit dem Perlenohrring“ jedoch kein klassisches Porträt, sondern eine Tronie: Dieser niederländische Ausdruck für Kopf, Gesicht oder Gesichtsausdruck bezeichnet eine eigene Bildgattung der gegenständlichen Malerei, eine porträtähnliche Charakterstudie, bei der oft anonyme Personen dargestellt werden. Es mag zwar eine junge Frau für Vermeer Modell gesessen haben, aber das Gemälde ist nicht dazu gedacht, sie oder eine bestimmte Person auf dieselbe Weise darzustellen, wie das Werk von Leonardo da Vinci eine reale Person zeigt (vermutlich Lisa Gherardini, die Frau eines Florentiner Kaufmanns). Vermeers Sujet verkörpert vielmehr einen Typ einer jungen Frau in fremdländischer Kleidung, es ist eine Studie des Gesichtsausdrucks und Kostüms.

Die Mona Lisa des Nordens.

Die Arbeit zeigt sowohl die technischen Fertigkeiten Vermeers als auch sein Interesse an der Darstellung von Licht. Die weiche Modellierung des Gesichts des Mädchens bezeugt, wie vollendet er Licht anstelle von Linien zur Formgebung eingesetzt hat, während die Reflexion auf ihren Lippen und am Ohrring die Wirkung von Licht auf verschiedenen Oberflächen darstellt.

Bekannt durch Literatur und Film

Während Vermeer heute hochangesehen und bewundert wird, war er zu Lebzeiten und in den darauffolgenden Jahrzehnten außerhalb seiner Geburtsstadt Delft kaum bekannt. Historiker schreiben die Neubewertung seines Werks im 19. Jahrhundert und den daraus resultierenden hervorragenden Ruf des Malers dem französischen Kunstkritiker Étienne-Joseph-Théophile-Thoré (unter dem Pseudonym William Bürger) zu. Dennoch wurde „Das Mädchen mit dem Perlenohrring“ erst Ende des 20. Jahrhunderts zu einem der berühmtesten Gemälde Vermeers, zum einen durch die große Vermeer Werkausstellung 1995 in der National Gallery of Art in Washington, D.C., zum anderen durch die Veröffentlichung des Bestsellerromans „Das Mädchen mit dem Perlenohrring“ von Tracy Chevalier, der 2000 in der deutschen Übersetzung erschien. Im Buch ist das Sujet des Gemäldes ein Hausmädchen namens Griet, das in Vermeers Haus arbeitet und zu seiner Farbmischerin wird. Die Romanverfilmung von 2003 mit Scarlett Johansson als fiktiver Griet und Colin Firth als Vermeer wurde für mehrere Oscars nominiert, was zur weiteren Bekanntheit des Sujets von Vermeer führte.

Vermeers Gemälde wurde erstmals 1881 in Den Haag versteigert und ging aus der Hinterlassenschaft des Privatsammlers 1902 in den Besitz des Museums Mauritshuis über. Während Renovierungsarbeiten am Gebäude des Museums im Jahr 2012 reiste das Gemälde auf Wanderausstellungen nach Japan, Italien und in die USA. Es zog überall Massen an und untermauerte einmal mehr seinen Rang als Publikumsliebling. Als das Gemälde dann 2014 in die Niederlande zurückkehrte, kündigte das Museum Mauritshuis an, dass das Bild fortan nicht mehr ausgeliehen würde, und versicherte den Besuchern, dass „Das Mädchen mit dem Perlenohrring“ in seinem Heimatmuseum dauerhaft zu sehen sein wird.

Titelbild: Johannes Vermeer, Das Mädchen mit dem Perlenohrring. Alle Bilder: Wikicommons.

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