Kunstmarkt  •  Neuigkeiten in der Kunstszene  •  News

Die Zukunft der Kunstmessen in Zeiten der Gesundheitskrise

Die weltweite Ausnahmesituation der Pandemie hat viele Messen und Kunstveranstaltungen dazu gezwungen, ihre Frühjahr-Events zu verschieben oder gar ganz abzusagen. Mit einem Auge auf die Herbstsaison plant der Kunstmarkt nun die zweite Hälfte dieses Jahres dennoch mit einem Hoffnungsschimmer. Um die Situation und die Zukunft von solchen Veranstaltungen besser einschätzen zu können, hat Singulart mit vier Direktoren von Kunstmessen gesprochen und sie um Ihre Einschätzung gebeten.

Für Singulart ist dies ebenfalls ein relevantes Thema, denn wir haben 2019 unsere offline Präsenz ausgebaut und an acht internationalen Kunstmessen teilgenommen. In diesem Artikel sollen die Gedanken und Einsichten der Direktoren von internationalen Kunstmessen über Themen wie „Tracing“, die Unsicherheiten über getroffene Maßnahmen betreffend, Distanzregelungen und andere Hürden angesprochen werden.

Man könnte einfach sagen, dass Messen für zeitgenössische Kunst Orte sind, wo Menschen neue Kunstwerke entdecken und diese erwerben, aber dies ist eine unzulängliche Vereinfachung. Sind Kunstmessen nicht auch ein Event, ein Tag um in die Welt der zeitgenössischen Kunst einzutauchen, eine Veranstaltung bei der man mit einem Glas Champagner in der Hand neue Talente entdeckt, aktuelle Trends mit anderen Kunstliebhabern diskutiert oder Künstler, Galeristen, Kuratoren und andere Persönlichkeiten aus der zeitgenössischen Kunstwelt kennenlernt und trifft? Will man sich nicht einfach im Trubel von Farben und Kreativität verlieren?

Als Orte der Begegnung und Begeisterung sind zeitgenössische Kunstmessen zu internationalen Knotenpunkten geworden: Sammler und Galeristen reisen mehrmals im Jahr tausende von Kilometern, um die zeitgenössischen Kunst-Wochen in London, Paris, Miami oder New York nicht zu verpassen. Sie reisen um persönliche Kontakte zu knüpfen und um in Persona an den Diskussionen teilhaben zu können. Es stellt sich daher nun die Frage: Wie können die neuen sanitären Vorschriften mit dem Wesen einer Kunstmesse – das persönliche Zusammenfinden einer an zeitgenössischer Kunst interessierten Gemeinschaft – in Einklang gebracht werden?

Art Paris und 1-54 : Option Digital

Art Paris und 1-54 New York mussten ihre Frühjahrsmessen absagen. Beide haben sich dafür entschieden, sie vollständig online zu veranstalten.

Guillaume Piens – Generalkurator der Art Paris

Piens berichtet über die herzzerreißende Entscheidung, die Messe absagen zu müssen:

„Schweren Herzens haben wir trotz der vielen Szenarien, die in Erwägung gezogen wurden, die Entscheidung getroffen, die Messe am 14. April abzusagen. Es wäre unsere letzte Ausgabe im Grand Palais gewesen, bevor wir 2021 neu auf dem Champ de Mars ausstellen werden. Sie können sich also die tiefe Enttäuschung unserer Teams, Partner und Lieferanten, die an der Durchführung einer solchen Großveranstaltung beteiligt sind, vorstellen. Ganz zu schweigen von den dramatischen Folgen für unsere Galerien. Wir haben zunächst eine Verschiebung auf Ende Mai in Betracht gezogen, und auch die Möglichkeit diskutiert, die Messe auf Anfang Juli zu verlegen. Die Verlängerung des Versammlungsverbots bis Mitte Juli begrub leider unsere letzten Hoffnungen, und wir erkannten, dass das Virus und dessen Folgen auch unseren Herbstkalender beeinflussen werden.“

Guillaume Piens, Art Paris

Margaux Huille – Kommunikationsdirektorin von 1-54

Sie erzählt uns, wie sie die Verbindung mit den Kunstsammlern aufrechterhalten konnten:

„Die Kunstmesse vollständig online zu veranstalten ist natürlich eine Premiere für 1-54. Wir versuchen die persönliche Verbindung aufrecht zu erhalten, indem wir Inhalte herstellen, die wir seit dem Beginn der Ausgangssperre produzieren. Wir laden (via Video natürlich) Künstler die auf der Messe ausstellen dazu ein, uns ihr Atelier zu zeigen und uns von ihrem kreativen Schaffen zu erzählen. Wir hoffen, dass obwohl man hinter einem Bildschirm sitzt, an diesen Begegnungen teilnimmt und sie wertschätzt, denn ohne diese Umstände wären sie vielleicht nicht möglich gewesen.“

Margaux Huille, 1-54, New York

Art Paris und 1-54 werden über einen Zeitraum von einem Monat stattfinden, um „die potentiellen Begegnungen zwischen dem Publikum und den ausstellenden Künstlern zu maximieren, anstatt für ein paar Tage einen Rausch von Klicks zu fördern“, wie Margaux Huile erklärt.

Die ‚Affordable Art Fairs‘ bleiben auf Kurs

Julie Constant – Regionaldirektorin der Gruppe Ramsay Art Fairs

Über die Neuerscheinung der Kunstmessen nach Covid19 spricht Julie Constant wie folgt:

„Unser vorrangiges Ziel ist es, die Sammler beruhigen zu können. Sicherlich werden im Herbst weniger Besucher an den Messen teilnehmen, aber wir hoffen, dass diejenigen, die kommen, sich stärker engagieren und eher geneigt sein werden, Kunstwerke zu erwerben. Denn die Reise in diesen unruhigen Zeiten zu unternehmen, ist ebenso ein Zeichen des Interesses als auch der Kaufbereitschaft.“

Julie Constant, Ramsay Art Fairs

Wie werden Sie Besucher willkommen heißen?

Die Veranstaltungen der Affordable Art Fairs dürfen Besucher wieder willkommen heißen, sobald sich die Besucher unter Rücksichtnahme der Abstandsregelung wieder bewegen können. Normalerweise gibt es zentrale Momente auf einer Kunstmesse, an welchem die Mehrheit an Besuchern erwartet und erwünscht sind, wie zum Beispiel bei der Eröffnung. Die Strategie in Zeiten der Gesundheitskrise ist in der Tat das genau Entgegengesetzte anzustreben: Laut Julie Constant vermeiden sie diese Spitzenzeiten und wollen im Gegenteil einen kontinuierlichen und organisierten Besucherstrom. Die geplanten Maßnahmen hierfür sind:

  • Längere Öffnungszeiten
  • Spezifische Zeitabschnitte für Höhepunkte, unterschiedlich je nach Kunstsammler*in und Stil
  • Online-Ticketverkauf mit begrenzter Anzahl für einen bestimmten Zeitabschnitt
  • Geräumige Stände mit größeren Zwischenräumen
  • Menschlicher Kontakt wird strikt eingegrenzt auf den zwischen Kunstsammler und Galeristen

„Wir haben volles Vertrauen in die Zukunft. Betrachten wir das Beispiel Hongkong, das Epidemien, Quarantänen und das Tragen von Masken erlebt hat: Dies hat den Markt und die Messen für zeitgenössische Kunst nicht daran gehindert, ihren Lauf zu nehmen. Hongkong hat auf dem Markt für zeitgenössische Kunst weiterhin eine dominante Stellung. Die Kunstmessen dort sind größer und weniger überfüllt als unsere: Das ist das Modell, das ich für die Zukunft sehe.“

Julie Constant, Affordable Art Fairs

Scope Miami verkleinert die Kosten seiner Aussteller

Singularts Stand an der Scope NYC im März 2020

Annie Taylor – Exhibitor Relations Managerin der Scope NYC und Miami

Annie Taylor sprach mit uns über ihren Plan zur Unterstützung der Galerien:

„Wir sind uns der finanziellen Einschränkungen unserer regelmäßigen Teilnehmer, die von der Covid19-Krise verursacht wurden, vollkommen bewusst. Wir sind stolz verkünden zu können, dass die Subventionsinitiative für jüngere und finanziell weniger stabile Galerien ausgeweitet wurde, damit ihr monetäres Engagement verkleinert werden kann.“

Annie Taylor, Scope NCY & Miami

Während in der Vergangenheit die Zahl der Bewerber an der Scope begrenzt war und mittels Einladungen beschränkt wurde, hat von nun an jede Galerie die Möglichkeit, sich zu bewerben. Die Reise-Stipendien der Scope werden an Galerien vergeben, die weite Reisen unternehmen um ausstellen zu können und die Programm-Subventionen gelten für Galerien, die sich gezielt auf Einzel- oder Themenausstellungen bewerben.

Annie Taylor meinte weiter, dass sich Scope bewusst ist, dass der Messestand nur ein Stück der Teilnahmekosten ausmachen, daher ist das Team bestrebt, für die ausstellenden Galerien vorteilhafte Vereinbarungen mit Fluggesellschaften, Hotels und Logistikunternehmen zu verhandeln.

Ein Trend hinzu intimen und regionalen Messen?

„Wir haben uns eindeutig in einer Blase befunden. Die Zahl der Messen wird schrumpfen, denn die Wirtschaft schrumpft und die lokale und regionale Dimension gewinnt mehr und mehr an Bedeutung. Die bekannten, großen Messen werden sicherlich bestehen bleiben, doch müssen öffentliche Veranstaltungen neu überdacht werden, denn Menschenversammlungen haben neuerdings einen beängstigenden Beigeschmack. Ebenso offensichtlich ist die Anpassung zu digitalen Tools die zu einem zentralen Zugang zu fernen Welten werden.

Guillaume Piens, Art Paris

„Wir halten es für sinnvoll, die verschiedenen Ausgaben von 1-54 zu regionalisieren, z.B. durch die Auswahl von mehr amerikanischen Galerien in 1-54 NYC, europäischen Galerien in 1-54 London, oder Galerien vom afrikanischen Kontinent in 1-54 Marrakesch. Diese Art von Entscheidung scheint immer notwendiger zu werden und könnte eine Möglichkeit für 1-54 sein, sich auf dem neuen Kunstmarkt noch stärker zu verankern und gleichzeitig die Online-Präsenz zu erhöhen.“

Margaux Huille, 1-54

Unsere Kontaktpersonen, wichtige Akteure in der Welt der Messen, blicken zuversichtlich in die Zukunft und beschäftigen sich mit der eigenen Neuerfindung und Digitalisierung. Die Virtualisierung der Kunstwelt scheint sich mehr denn je auszudehnen. Kleine und große Akteure, Galerien, Messen und Museen erkennen ihren Stellenwert und Nutzen in der heutigen Welt. Kunstmessen erkennen ihre Bedeutung als Vermittler von Begegnungen. Singulart begrüßt die Beschleunigung der Digitalisierung besonders, denn diese bestätigt unsere Rolle als zentraler Akteur auf dem zeitgenössischen Kunstmarkt.


Entdecken Sie unsere eigens für Kunstmessen kuratierten Sammlungen der Künstler, welche mit Singulart noch vor der Pandemie um die Welt reisten.